Der Einsiedler im Urwald
Alles, was in mir zerrissen war, sollte der Weg wieder zusammenflicken. Das hoffte ich und deshalb bin ich ihn gegangen. Vielleicht hat er es auch tatsächlich getan. Ich kann mir vieles nicht logisch erklären, aber was im Einzelnen geschehen ist, erzähle ich gern.
Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt in der Nähe von Berlin. Wo genau, tut nichts zur Sache, denn mir fiel später auf, dass Kleinstädte, vor allem diese Kleinstädte, sich alle ähnelten. Die Leute, die da wohnten, hatten samt und sonders den gleichen Blick. Mehr kann ich dazu nicht sagen; wer mir das nicht glaubt, der sollte mal hinfahren und sich das ansehen, denn es ist heute noch so.
Spätestens als ich zwanzig war, wollte ich raus. Nach dem Westen. Schließlich umgab uns nichts als die graue Gernegroßrepublik und vor allem wir Jüngeren durchschauten das Getue und die Tricks der Bonzen nur zu leicht. Wahrscheinlich deshalb, weil wir die Ängste unserer Eltern nicht teilten und durch die Nähe der Hauptstadt das Fernsehen der bunten Seite recht gut empfangen konnten. Kein Wunder, dass wir uns einbildeten, drüben sei alles besser.
Als ich es schaffte, war ich siebenundzwanzig Jahre alt. Wir hatten mehrere Verwandte in Göttingen und Hannover und Mitte der achtziger Jahre lockerten sich die Bestimmungen wegen gegenseitiger Besuche. Auch mir gelang es, einen der teilweise noch berühmten blauen Pässe zu ergattern, und schon während meiner ersten Westreise vergaß ich die Rückkehr nach Hause. Natürlich haben meine Eltern und mein Bruder Ärger gekriegt, aber ich hoffte einfach, dass sie sich früher oder später damit abfinden und mir meinen Freiheitsdrang verzeihen würden. Denn wenn man erst einmal auf der anderen Seite steht, kann man unschwer erkennen, welches System stärker ist und zum Sieg vorherbestimmt. Darauf setzte ich und vom Sommer Sechsundachtzig bis zum Herbst Neunundachtzig waren es schließlich nur noch drei Jahre.
Ich hatte Schlosser gelernt oder besser ausgedrückt, in einer Autowerkstatt gearbeitet. Mit meinem Facharbeiterbrief bekam ich außerordentlich schnell eine Anstellung und zwar gleich bei VW in Wolfsburg. Ich verdiente erstklassig und da ich darin die Voraussetzung zur Verwirklichung meiner Träume sah, interessierte mich alles Andere wenig. Ein paar Monate später verliebte ich mich und ein weiteres Jahr danach war ich stolzer Vater eines Mädchens.
Irgendwo auf dem Land, nicht einmal zwanzig Kilometer von meiner Arbeitsstelle entfernt, entstand unser Einfamilienhaus. Da kaum ein Hindernis den Bau bremste, zogen wir Anfang der neunziger Jahre ein. Rita, meine Frau, wurde wiederum schwanger und ich freute mich, als sich herausstellte, dass es diesmal ein Junge war.
Dabei beließen wir es. Die Kinder entwickelten sich gut. Mit ihnen gemeinsam unternahmen wir Urlaubsreisen nach Österreich, Italien und Spanien, einmal sogar nach Ägypten. Rita hatte Krankenschwester gelernt und fand, sobald es möglich war, einen neuen Arbeitsplatz nach ihrer mehrjährigen Auszeit. Mit einigen Familien in der Siedlung standen wir auf äußerst freundschaftlichem Fuß und da es in diesem Umfeld zum guten Ton gehörte, ging ich auch immer mal wieder in die Kirche, obwohl ich eigentlich Atheist war. Mit einem Wort: Meine Welt war ringsumher in Ordnung, der Himmel hing voller Geigen und mein Leben im westlichen Deutschland hatte sich genau zu dem gestaltet, was meiner Vorstellung entsprach. Und die war noch in den östlich grauen Jahren entstanden, auf der anderen Seite des Zauns.
Erstaunlich schnell erreichten die Kinder ein Alter, in dem sie weitere gemeinsame Urlaube mit uns ablehnten. Da kam zum ersten Mal das merkwürdige Gefühl auf, unserem Miteinander sei der Text ausgegangen. Wir wussten nicht mehr sonderlich viel mit uns anzufangen. Deshalb taten wir uns mit zwei anderen Paaren aus der Siedlung zusammen, denen es ähnlich ging. Wir unternahmen gemeinsame Reisen, fuhren ins Kino oder ins Theater, feierten Grillfeste und versuchten, die dennoch aufkommende Langeweile mit Partnertauschträumen zu vertreiben. Ich nenne das „Tauschträume“, weil es eine ganze Weile nur beim Träumen geblieben war. Es ist nicht ganz so leicht, plötzlich Grenzen zu überschreiten, die man jahrelang eingehalten hatte. Und oft sind Spiele mit Gedanken und Fantasien kribbelnder und spannender als deren Verwirklichung.
Um uns dennoch auf die konkrete Erfahrung zuzubewegen, planten wir eine gemeinsame Urlaubsreise an einen ungewöhnlichen Ort, weitab von den allgemein üblichen Schnittmustern von Hotel und Strand und all inclusive.
Irgendjemand hatte uns einen Tipp gegeben und so besuchten wir eine Auswandererkolonie in Bolivien. Wir hatten dort ein Häuschen für uns, konnten tun, was uns Spaß machte, aber uns auch jederzeit unter die Einheimischen mischen, da sie Landsleute waren. Es hieß, viele von ihnen suchten gerade in Südamerika nach einer neuen Art zu leben und hätten Deutsc land aus keinem anderen Grund verlassen.
Vom Flughafen des unglaublich hoch gelegenen La Paz aus erreichten wir die besagte Kolonie nach einer Tagesreise mit zwei Mietwagen und wir staunten nicht schlecht: Die meisten Häuser und Straßen sahen so aus wie die in unserer Siedlung bei Wolfsburg! Rita und die anderen lachten und machten Witze darüber; ich selbst aber war wahnsinnig enttäuscht.
Schnell stellten wir fest, dass die Ausgewanderten so ähnlich lebten wie in dem Land, das sie verlassen hatten. In mir stürzte ein Traumschloss zusammen. Ich vergaß, weshalb wir diese Fahrt unternommen hatten und als ich es nicht mehr aushielt, fragte ich einen der Kolonisten, warum er seiner Heimat den Rücken gekehrt hatte, wenn er sich in Südamerika doch kaum anders benehme als zu Hause.
„Das fehlte noch, dass wir Blechhütten bauen wie die Halbindianer in den Slums von La Paz!“ erwiderte er beinahe ärgerlich. „Natürlich leben wir wie zu Hause mit dem Unterschied, dass wir eben jetzt hier zu Hause sind. Wir brauchen kaum Steuern zu zahlen, das ist schon mal ein Riesenvorteil. Hier kann man ein paar kleinere Unternehmen aufziehen ohne gleich vom Finanzamt erstickt zu werden. Das Geld ist der Hauptgrund, das sage ich dir. Aber wir helfen einander auch mehr als es in Deutschland der Fall gewesen wäre. Ist ganz normal, weil wir ja alle etwas aufbauen wollen. In Europa kriegst du alles fertig und vorgekaut, aber hier fängst du von vorne an. Es ist allerdings von Vorteil, wenn du ein paar Euro hast, die gelten hier mindestens das Vierfache verglichen mit der Gegend, in der man sie erfunden hat. “
Er war sichtlich stolz auf seine Arbeit und zeigte mir sein gesamtes Anwesen. Trotzdem nagte die Enttäuschung weiter an mir, denn überall sah es aus wie in Niedersachsen.
„Machen das eigentlich alle Auswanderer so?“ wollte ich wissen, bevor ich ging. „Oder gibt’s auch Ausnahmen?“
„Ausnahmen, was denn für Ausnahmen?“ Der Mann schüt- telte den Kopf. „Niemand ist gerne allein und deswegen haben wir uns zusammengeschlossen und dieses Dorf gebildet. Vor kurzem ist hier ein Verrückter aufgetaucht, den hätte man schon als Ausnahme bezeichnen können. Aber das war ein Vollidiot, ein Fantast! Es hatte keinen Zweck mit ihm zu reden. Eine Menge Blödsinn hatte der im Kopf, hat rumgesponnen von neuem Zeitalter und so. Er ist auch nicht bei uns geblieben, sondern hat seine Hütte ein paar Kilometer entfernt gebaut. Keine Ahnung, ob er zurecht kommt, wir kümmern uns nicht um ihn. Schätze, er baut Cannabis an und hat sich wahrscheinlich schon Aids geholt bei den Indiohuren.“
„Kann man zu diesem Menschen hinfahren?“
„Die Straße in östlicher Richtung wird immer schmaler und ich kann mich nicht verbürgen, dass sie überhaupt noch auf fünf Kilometer benutzbar ist“, beschrieb der Mann. „Dort gibt es keine Stadt mehr und nichts und deshalb fährt nur selten jemand da lang. Aber du kannst es ja versuchen, wenn du scharf drauf bist, einen Verrückten kennenzulernen. Ich meine, ihr seid schließlich auf Informationsurlaub hier und solltet die Sehenswürdigkeiten in der Gegend ruhig mal abklappern.“
Ich ging zurück zu meinen Freunden und berichtete von dem, was ich erfahren hatte, musste jedoch feststellen, dass es niemanden interessierte. Nicht einmal Rita, der ich an jenem Tag noch nicht anmerkte, dass sie bereits mit Gerhard turtelte, der zu Hause nicht nur mein Nachbar, sondern auch mein Arbeitskollege war.
Die Sache mit jenem „Verrückten“ ließ mich nicht los und so behauptete ich am nächsten Morgen, unbedingt ein paar Besorgungen machen zu müssen, schnappte mir einen der gemieteten Jeeps und fuhr los. Ich fand die beschriebene Straße, die sich bald in einen Schotterpfad und noch später in einen außerordentlich schmalen, von üppigem Grün fast zugewachsenen Urwaldweg verwandelte.
Der Jeep war ein robustes Fahrzeug, so dass ich den Eindruck hatte, dennoch einigermaßen vorwärtszukommen. Ich merkte kaum, dass ich unversehens eine Art Einfahrt passierte, die wie ein aus Lianen geflochtenes Tor aussah.
Eine buntbemalte, windschiefe Holzhütte, die wie aus dem Nichts vor mir auftauchte, gebot indessen Halt. Ich sprang aus dem Auto und befand mich mitten im Urwald. Bei näherem Hinsehen jedoch erkannte ich die Spuren menschlicher Eingriffe.
Vor dem notdürftig errichteten Gebäude befand sich ein kleines Rondell aus Steinplatten, die sich durch die aus den Zwischenräumen emporstrebenden Pflanzen beträchtlich verschoben hatten. Ich schätzte, dass mir diese Fläche genügend Raum zum Wenden bot und nahm die Hütte in Augenschein.
Vor der Türöffnung hing eine schwere graugrüne Stoffbahn. Ich schlug sie kurzerhand zurück und machte mich gleichzeitig durch Rufe in deutscher Sprache bemerkbar. In dem Halbdunkel, das mich im Inneren umgab, erkannte ich vorerst nur eine Hängematte, aus der sich eine lange, dürre Gestalt erhob.
„Besuch aus Deutschland?“ gurgelte eine kratzige Stimme. „Das ist selten, aber nicht außergewöhnlich.“
„Ich heiße Tristan“, stellte ich mich vor. „Man hat mir empfohlen, hier mal herzukommen.“
„Empfohlen, oho!“
Der Mann, der in der Hängematte gelegen hatte, stand nun aufrecht vor mir. Er war vollkommen nackt, bärtig und mindestens einen Kopf größer als ich. Eine gewaltige Haarmähne bedeckte seine Schultern und ein für mich undefinierbarer, aber nicht unangenehmer Geruch ging von ihm aus und seine Stimme gewann an Kraft. „Wer bringt es denn fertig, mich zu empfehlen?“
Kurz berichtete ich von der Begegnung, die mich darauf gebracht hatte, diesen Ausflug zu unternehmen, der mir nun peinlich war.
Er lachte.
„Schon gut“, sagte er und winkte ab. „Ich bin Garcilaso. Früher habe ich mal Reinhard geheißen, aber seit ich weiß, dass ich eine Inkarnation von Garcilaso de la Vega bin, lebe ich hier und nenne mich so. Eigentlich müsste ich weiter nördlich wohnen oder am Titicacasee, aber mir hat es hier gefallen. Mir war es nur wichtig auszusteigen und das ist mir gelungen.“
Er bot mir frisches Quellwasser an, das ich aus einer Schale trank, von der ich nicht wusste, woraus sie gemacht war. Überhaupt fand ich in dem Sammelsurium von Gegenständen, die ihn umgaben, ziemlich vieles, das ich nirgendwo einordnen konnte. Da sich meine Augen aber inzwischen an das Halbdunkel des Raumes gewöhnt hatten, entdeckte ich auch einige Kleidungsstücke und sogar ein Bord mit Büchern. Wir sagten von Anfang an Du zueinander und während des Gespräches mit ihm erschien es mir, als sei unser Zusammentreffen das Normalste der Welt und als hätten wir uns schon seit undenklichen Zeiten gekannt.
Ich erzählte ihm von meinem Leben und dass ich mich darin langweilte, aber nicht wüsste, wie ich diesen Zustand aufheben könnte. Und so geschah es, dass er mir nicht nur seine gesamte kleine Farm – denn das war sie tatsächlich – zeigte, sondern von Dingen zu mir sprach, die ich noch nie zuvor gehört hatte.
„Garcilaso de la Vega war einst Statthalter von Cuzco, als die Spanier schon Perú unterworfen hatten“, erläuterte er. „Seine Mutter war immerhin die Enkelin des großen Inka Tupac Yu- panquí und so wusste er noch sehr, sehr viel von den wahren Dingen, bevor die falschen vollständig die Oberhand bekamen.“
„Was sind ,die falschen Dinge‘?“ fragte ich.
„Das Reich Tahuantinsuyu, in dem die Inka regierten, war ein Unterdrückungssystem, aber dennoch lebten viele darin noch im Einklang mit Pachamama, der Großen Mutter.“
Garcilaso oder Reinhard, wie auch immer, sprach ruhig und gelassen und seine Worte hatten keinen salbungsvollen Beiklang. Deshalb zwangen sie mich unbedingt dazu, ihm zu glauben.
1„Mit Pizarro und den Spaniern begannen die falschen Dinge“, fuhr er fort und zündete sich ein zigarettenähnliches Etwas an, in dem ich eine Cannabisfüllung vermutete. „Es sind die, mit denen man die Menschen bei ihrer Angst packt, mit denen man sie in die Irre führen kann. Die scheinbaren, nicht wirklichen. Es war eine grausame Zeit, aber damals war es noch nicht möglich, die ganze Welt zu unterwerfen. Das funktioniert erst heute.“
„Erst heute?“
„Die Spanier kamen aus Goldgier. Vielleicht war auch ein Funken Entdeckerlust dabei, die wir vor allem bei Columbus einmal annehmen wollen. Aber spätestens als in Nordamerika die Vereinigten Staaten gegründet worden waren und die Briten ihr Riesenkolonialreich eroberten, waren genügend Weltherrschaftsträume entstanden. Und die sind heute so gut wie verwirklicht, nur eben nicht so offen brutal, sondern subtiler. So haben die Amerikaner heimlich, still und leise alles unter ihre Knute gekriegt. Die Leute tanzen mit Freuden nach deren Pfeife und merken es nicht einmal. Jeder Krieg und jede Wirtschaftskrise wird von irgendwelchen Hinterbänklern inszeniert, von denen die meisten in New York oder London, Moskau oder Peking sitzen, vielleicht sogar in Berlin. Die haben das Geld, die Zeitungen, Radio und Fernsehen im Griff und das genügt schon fast. Denn die Leute glauben alles, was die bunten Bilder zeigen und leben so, wie ihnen das vorgeschrieben wird. Und dass es ihnen vorgeschrieben wird, merken sie nicht, weil sie nicht bloß gut zu essen und zu trinken haben, sondern darüberhinaus noch gut unterhalten werden. Nicht bloß mit irgendwelchen Späßen, was ja noch harmlos wäre, sondern vor allem mit Angst.“
„Mit Angst?“ Fiebernd hing ich an seinen Lippen.
„Wer Angst hat, findet nicht raus, wer er selber ist, entdeckt seine Kraft nicht, seine Möglichkeiten, sondern er hat eben bloß Angst. Wenn die Zeitungen schreiben: In dem und dem Land ist Krieg, der könnte auch auf unseres oder ein Nachbarland übergreifen, dann macht das schon ein bisschen Angst. Wenn sie schreiben, das Geld ist bald nichts mehr wert, macht das vielen noch mehr Angst. Und wenn sie schreiben, eine neue Krankheitswelle rollt unberechenbar über drei Kontinente, so dass keiner ausweichen kann, macht das fast allen ordentlich Angst. Mit dieser Angst hält man die Leute nicht bloß gut in Schach, sondern man kann ihnen eine Unmenge Sachen verkaufen, die sie nicht brauchen: Pillen und Tabletten in Hülle und Fülle, Impfstoff satt und tausend Zeitschriften mit neuen Angst-In- formationen. Wenn sie im Fernsehen sagen: Die Muslime sind böse, die haben das und das getan, oder die Juden sind böse oder die Zigeuner oder die Schwarzen oder die Schwulen oder die Brillenträger oder die Mundharmonikaspieler, dann glauben das die Leute und sie beginnen die Muslime zu hassen, die Juden, die Zigeuner, die Schwarzen, die Schwulen, die Brillenträger und die Mundharmonikaspieler, das ist eine wahnsinnig sichere Methode. Die Spanier mussten ihr Kolonialreich mit halbrostigen Waffen erobern, das hat viel Kraft gekostet. Die Drahtzieher in Amerika, China, Russland oder sonstwo benutzen das Fernsehen und die Zeitungen; das kostet weit weniger Kraft und man erreicht viel mehr. – Weißt du, warum dein Leben langweilig wird, warum du kaum noch was fühlst und nicht weißt, was du mit dem Rest deiner Jahre tun sollst? Weil sie dich haben! Du hast dich nicht selber, du spürst dich nicht selber, du kannst nicht zu dir kommen und deinen Weg finden, weil sie dich haben. Wenn du dich krank fühlst, gehst du zum Arzt und bildest dir ein, dieser Fremde, der nicht in dir drin steckt, weiß besser als du selber, was für dich gut ist. Wenn deine Seele am Ende ist, rennst du zum Psychologen oder zum Pfarrer, weil du keinen wahren Freund hast, der sie erkennt. Und wenn du Angst hast, eine Entscheidung zu treffen, wählst du jemanden, der die Entscheidungen treffen soll, am besten für ein ganzes Volk. Was glaubst du wohl, warum ich hier bin, allein und so gut wie im Urwald?“
„Du bist ein alter Hippie“, antwortete ich. „Das sagen jedenfalls die Leute.“
„Und du bist einer, der glaubt, was die Leute sagen“, versetzte mein Gegenüber seelenruhig. „Damit musst du zurechtkommen.“
„Was könnte ich tun, um auszusteigen?“ Garcilaso lachte. „Finde erst mal raus, in welchem Zug du sitzt“, erwiderte er.
„Wenn du Glück hast, hält er an einigen Stationen. Manchmal ist so gut wie jede passend, manchmal nur eine.“
Ich wollte wissen, ob er sich nicht zuweilen einsam fühlte.
„Wieso denn?“ Auch diese Frage belustigte ihn. „Zwei Stunden Fußmarsch sind es von hier aus zum nächsten Indiodorf. Dort bin ich ziemlich oft, weil meine zwei Frauen da wohnen. Ich gehe nicht gern zu meinen Landsleuten, da fühle ich mich nicht wohl. Manchmal kommt einer her, so wie du, so dass ich nicht mal Gefahr laufe, meine Muttersprache zu vergessen.“
„Aber hier bist du doch von der Menschheit abgeschnitten, nimmst gar nicht mehr am Leben teil?“ So vernünftig wie er mir einesteils vorkam, so merkwürdig erschien mir dennoch sein Einsiedlerdasein.
„Am Leben teilnehmen?“ brauste er da auf. „Was willst du mir denn weismachen, was Leben angeblich sein soll?! Zeitung lesen, Fernsehen und Champagnerfeste feiern, auf denen jeder jedem die Hucke voll lügt? Die Tochter vom Chef durchzuvögeln, um Karriere zu machen? Und wozu ist Karriere gut? Um mit einem Schlips den Hals stundenlang zuzuschnüren, noch mehr Leute über den Tisch zu ziehen als früher, für Magenprobleme oder einen Herzinfarkt? Nein, danke, mein Guter, das ist Totentanz, aber kein Leben.“
Wir besprachen noch alles Mögliche, aber ich habe das meiste davon vergessen. Als ich zurückfuhr, spürte ich bereits den Wunsch, den Einsiedler im Busch noch einmal wiederzusehen.
Ich berichtete meinen Freunden davon und erntete nur verächtliches Gelächter und zahlreiche Warnungen, nicht selbst dem Irrsinn zu verfallen, dem diese angebliche Reinkarnation eines Cuzcoer Statthalters erlegen war. Vielleicht hätte ich nicht erwähnen dürfen, dass Garcilaso oder Reinhard mir nackt gegenüber getreten war und irgendein halluzinogenes Kraut geraucht hatte. Das machte ihn unglaubwürdig und nur ich allein war so dumm und nahm mir das idiotische Geschwafel eines Drogensüchtigen zu Herzen.
Bald merkte ich, dass ich nicht mehr zu meinen Leuten gehörte. Es war, als stünde ich neben ihnen. Wie durch einen Schleier beobachtete ich, wie Rita sich in Gerhards Armen wand und fühlte nur Gleichgültigkeit. Ich sah, wie meine bisherigen Freunde lachten und Spaß hatten und saß daneben wie Falschgeld.
Der Mann im Urwald hatte mich infiziert, so dass ich plötzlich an einer Krankheit litt, die mich zum Aussätzigen machte. Nie hätte ich leben wollen wie er, aber zu dem zurückkehren, was bisher mein Leben ausgemacht hatte, konnte ich ebensowenig.
Am Tag vor unserer Abreise fuhr ich noch einmal zu ihm, um mich zu verabschieden.
„Du hast mich tief beeindruckt“, erklärte ich feierlich. „Aber ich bin nicht du. Neunzehnhundertachtundsechzig ist längst vorüber und Woodstock fast vergessen. Es hat keinen Zweck, sich beleidigt in den Dschungel zurückzuziehen.“
„Ach“, erwiderte er und zwinkerte mir schelmisch zu. „Wer ist hier beleidigt, ich oder du?“
„Du hast recht“, versetzte ich kleinlaut. „Ich kann nur eben bloß nicht vergessen, was du gesagt hast und wie du lebst. Aber aussteigen, so wie du, das kann ich auch nicht. Verstehst du das?“
„Ein bisschen.“ Er lächelte gelassen und wartete offensichtlich, ob ich noch etwas sagen würde.
„Mag sein, dass meine Frau mich verlässt“, sagte ich. „Das kann ich verkraften. Aber ich habe nicht gelernt, wie man sich ohne Geld durchschlägt. Denn ich müsste meine Arbeit kündigen, obwohl ich unwahrscheinlich gut verdiene. Es wäre eine Sünde, verstehst du? – Trotzdem: Angenommen, ich käme hierher, wie sollte es da gehen? Du verstehst was davon, wie man bestimmte Pflanzen anbaut, ich habe nicht die geringste Ahnung. Was ist, wenn ich irgendeine unbekannte landestypische Krankheit kriege, muss ich da zu einem Schamanen gehen, von diesen Aymará oder wie sie heißen? Du magst das glauben, aber ich habe die Indios gesehen auf dem Markt von La Paz. Wie selten die sich waschen und so. Eine Frau ist mir aufgefallen, die direkt unter sich gepisst hat, als sie an der Bushaltestelle stand. Wahrscheinlich tragen die ja keine Schlüpfer. Wie sollte ich zu einem eingeborenen Arzt gehen, der sich nicht sauber hält? Dir macht das nichts aus, aber mir. Hygiene ist unumgänglich für die Gesundheit. Und die deutschen Ärzte hier nehmen auch Geld wie bei uns zu Hause. Was ist, wenn ich alt werde und nicht mehr alles selber machen kann? Mir würden noch tausend andere Sachen einfallen, weshalb es nicht geht, verstehst du? – So sehr mir imponiert hat, wie du hier lebst und so sehr ich es selber wollte: ich kann es nicht.“
„Ich kann mich auch nicht erinnern, von dir so etwas verlangt zu haben“, bemerkte Garcilaso seelenruhig. „Wahrscheinlich verlangst du es selber von dir.“
„Vielleicht“, gab ich zu. „Mir kam es eben so vor, als ob du lebendiger bist als ich, obwohl du bloß ein Einsiedler im Urwald bist. Und ich wollte selber gerne mehr Leben haben. Oder ein anderes, was weiß ich.“
Er betrachtete mich eine Weile und wir schwiegen. „Glaubst du irgendwas?“ fragte er mich unvermittelt.
„Weiß nicht genau“, erwiderte ich. „Ab und zu gehe ich in die Kirche, aber das machen eben alle. Dort, wo ich wohne.“
„Die Kirche hat eine Menge versaut“, murmelte er. „Aber selbst da könntest du was finden.“
„Wie meinst du das?“
„Na, ich schätze, der Mann, den alle anbeten sollen, hatte tatsächlich was zu sagen. Der war einer von den ganz großen Aussteigern. Deshalb kneifen sie immer, wenn man sie drauf aufmerksam macht, was er wirklich wollte.“
„Jesus?“
„Jesus, ja. Weißt du, was er gesagt hat? Wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren. Und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. Reicht doch, meine ich.“
„Und was heißt das?“
Ein Schatten überzog sein Gesicht und ich hatte den Eindruck, dass er nur noch mit Widerwillen antwortete. „Finde es selber raus. Sonst kommst du hinterher und behauptest, ich wäre es gewesen, der dich hinter’s Licht geführt hat.“
„Aber ich will ... Ich weiß nicht, was soll ich denn ...?“
„Schluss damit!“ rief er plötzlich so laut, so dass ich zusammenzuckte. „Wer dauernd fragt, will keine Antwort! Ich bin nicht dein Guru oder dein Pastor oder sonst was, schon gar nicht deine Frau! Wenn du’s wirklich wissen willst, findest du’s selber raus!“
Bis heute kann ich mir nicht zusammenreimen, warum er auf einmal so grantig wurde. Vielleicht hatte er das Gefühl gehabt, ich fiele ihm auf den Wecker, aber er saß doch sowieso nur in der Hütte herum und beschäftigte sich mit seinen Pflanzen.
Als ich nämlich immer noch nicht begreifen wollte und beharrlich zu fragen fortfuhr, griff er nach irgendeiner Kiste und bewarf mich damit. Am Ende verließ ich fluchtartig sein Anwesen.
„Wenn du willst, findest du’s raus!“ rief er mir nach, das vernahm ich allemal noch deutlich. „Aber komm nie mehr her! Nie, nie mehr!“
Meine Freunde lachten mich wiederum aus und fragten stichelnd, ob ich endlich gelernt hätte, Cannabis zu rauchen. Oder ob ich bei dem Einsiedler entdeckt hätte, dass ich schwul sei.
Nach Hause zurückgekehrt, war ich fest entschlossen, mein bisheriges Leben fortzusetzen und ging meiner Arbeit nach wie immer. Ich ließ Rita ihr Vergnügen und machte ihr keine Szene. Nicht einmal dann, als sie ganz und gar zu Gerhard zog, dessen Frau sich wiederum von ihm trennte. Mit eigentümlicher Verwunderung wurde mir bewusst, dass ich schon deswegen nicht eifersüchtig zu werden vermochte, weil meine Kräfte mich verließen.
Ungeheuer ausgelaugt fühlte ich mich. Mit jedem Tag, der verging, wurde ich müder, elender. Und beinahe dankbar nahm ich hin, dass ich eines Abends meinen Entlassungsbrief aus dem Kasten holte.
Endlich raffte ich mich zum Handeln auf. Obwohl es unausgesetzt in meinem Kopf dröhnte „Finde es heraus, finde es heraus!“, hatte ich bisher nicht einen Schritt zu gehen vermocht, der mich einer Veränderung näher gebracht hätte. Nun aber hatte ich meine Arbeit und meine Frau verloren und es gab nichts mehr, woran ich mich klammern konnte.
Kurzerhand reiste ich nach Spanien und machte mich auf den legendären Weg, von dem ich inzwischen alle möglichen Wunderdinge vernommen hatte. Ich kam dabei wieder zu Kräf- ten. Und noch bevor ich das offiziele Ziel, die Jakobusstadt im Sternenfeld, erreichte, wusste ich, dass Garcilaso nur in einem – nämlich dem letzten – Punkt geirrt hatte: Ich brauchte gar nichts herauszufinden, sondern das Leben selbst kam zu mir.
(Aus: A. H. Buchwald, GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL - Der Weg zum eigenen Weg, Teil 3, eBook AndreBuchVerlag 2011)
(ohne Fußnoten, bei Worterklärungsbedarf bitte bei Wikipedia recherchieren!)