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Das Glück des Lebens kann niemand schmieden; immer nur das Glück des Augenblicks.


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Celestine Blog

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Täter und Opfer

Erstellt von: nanabosho in Community Blog

Tagged in: Tagebuch

nanabosho


Ich bin wahrscheinlich der unmöglichste Jakobspilger überhaupt. Bis heute und über Jahre hinaus. Denn diesen Weg zu gehen war des Fremdeste, Seltsamste und mir Entgegengesetzteste, was ich je getan habe.
Ich war nämlich bei der Stasi. Waffentragendes Mitglied des Staatssicherheitsdienstes der Deutschen Demokratischen Republik, diesem vergessenen Vierzig-Jahre-Staat.
Vielleicht versteht das nicht einmal jeder, sondern nur die, die zu den siebzehn Millionen armen Würstchen zählten, die einst in jenem Graumaus-Land ihr Leben fristeten: Bei der Stasi war man nicht nur pflichtbewusst und treu antireligiös, sondern betrachtete alle Menschen, die nicht an einer staatsfeudal geführten, wenn auch sozialistisch-kommunistisch gedachten Welt interessiert waren, als Feinde oder Verräter. Von einem sogenannten Jakobsweg wusste kaum jemand etwas, denn der lag unglaublich weit fernab der Areale, in denen unsereiner sich auskannte. Und wenn trotzdem jemand etwas in Erfahrung gebracht hätte, wäre ihm sofort klar gewesen, dass ein solches Wissen finsterem, mittelalterlichem Aberglauben gleichkam und sich nicht gehörte.
Mich hatten sie sowieso nicht gerade mit Informationen überschüttet. Meine Eltern waren eindeutige Kommunisten gewesen und lebten in ihrer abgeschotteten Welt. Sie hatten den Krieg erfahren und die schwarzweiße Brille, mit der sie jene Ereignisse zu betrachten gewohnt waren, gaukelte ihnen die Ideen der Revolutionsprediger als geradezu weltrettend vor. Um zu erkennen, dass der Misthaufen sich nicht verändert hatte, auf dem die Fliegen ständig wechselten, muss man sämtliche Scheuklappen ablegen, aber so weit waren sie einfach noch nicht.
Gern glaubte ich, was sie mir sagten. Denn all unsere Verwandten und Freunde führten streng genommen dieselben Reden. Ich vermochte beileibe keine andere Welt zu erkennen außer der, die sie mir demonstrierten.
Bald wusste ich zweifelsfrei, dass die sozialistische Variante Deutschlands einen neuen Menschen hervorbrachte, einen, der die Habgier und das Wolfsgesetz des Kapitalismus verabscheute, der alle friedliebenden Kräfte auf diesem Planeten stärkte und unterstützte sowie dafür sorgte, dass alle Güter, die eine Gesellschaft schuf, auch sämtlichen Mitgliedern dieser Gesellschaft zugute kamen. Nicht irgendwelchen Faulpelzen und Fettsäcken gebührte es zu herrschen, sondern denen, die täglich schwer arbeiteten und Dinge produzierten, die das Leben der Menschen erleichterten. Und während ich aufwuchs, fühlte ich nur zu oft den Stolz, dazu zu gehören, einer von denen zu sein, die das alte Ausbeutersystem hinter sich gelassen hatten, um ein gerechteres, besseres zu errichten.
Die sächsische Kleinstadt, in der ich damals lebte, betrieb zwei Schulen, aber zwischen diesen gab es keinen qualitativen Unterschied. Der Sohn eines Arztes oder Akademikers saß neben der Tochter eines Bauern oder Handwerkers. Wohl begegneten mir Grobiane und Dummköpfe, die nicht verstanden hatten, worum es ging und die sozialistische Partei mit Schimpfworten bedachten. Doch ich war zuversichtlich, dass eines Tages auch solche Leute Einsicht zeigen würden. Mit den „kirchlich Gebundenen“ – so nannten wir die Christen damals – war es schwieriger, denn obwohl es auf der Hand lag, dass Religion ungemein verdummte und ihre Anhänger nur sinnlos gegen den Fortschritt aufhetzte, blieben die in ihr Gefangenen auf lange Sicht starrköpfig und widersetzten sich beharrlich einer leuchtenden Zukunft.
Bald war es für mich selbstverständlich, worin die Aufgabe meines Lebens bestand. Unser Land befand sich auf einem guten Weg und wurde jährlich stärker. Die ausbeutungsfreie Gesellschaft hatten wir nahezu verwirklicht und nur einige Feinheiten brauchten noch geglättet zu werden. Nun mussten wir ein festes Bollwerk bilden gegen einen übermächtigen und rücksichtslosen Feind, unseren Nachbarn im Westen. Gern wollte ich meinen Anteil dazu beitragen und geradezu begeistert war ich bereit zu schützen, was im gerechteren Deutschland Gestalt annahm.
Was im Westen geschah, lag auf der Hand und jeder, der nicht vollständig taub und blind war, konnte es hören und sehen: Frauen wurden noch immer durchweg unterdrückt, daran gehindert, sich selbst in den produktiven Arbeitsprozess einzubringen und dabei zu entfalten, standen frustriert am Küchenherd und waren mehr oder weniger rechtlos. Studenten, die sich den veralteten Strukturen an den Universitäten widersetzten, wurden von der Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas traktiert, ja in Einzelfällen sogar erschossen. Kommunisten und Regimekritiker bekamen Berufsverbot, während alte Nazis sich gegenseitig Regierungsposten zuschanzten. Jede verhaltene Wirtschaftskrise brachte Scharen von Arbeitslosen hervor und die Kirche segnete zusätzlich all diese Ungerechtigkeiten.
In Vietnam massakrierte die amerikanische Armee tausende Unschuldiger und im Kongo geschah Ähnliches durch marodierende Banden, die von Washington und Bonn aus bezahlt wurden. Es stimmte wahrlich, was Lenin einst gelehrt hatte: Der Kapitalismus erreichte nun das Stadium des Imperialismus, in dem er zu faulen begann, offen pervers und dekadent daherkam und bald durch seine eigene Krise zusammenbrechen, wahrscheinlich sogar sterben würde. Unserer Gesellschaftsordnung gehörte die Zukunft, das stand fest, und es gab nirgendwo einen Anhaltspunkt, etwa daran zu zweifeln. Auch die wenigen Unzufriedenen, die zuweilen auftraten und das Rad der Geschichte zurückzudrehen versuchten – achtundsechzig in der Tschechoslowakei beispielsweise –, würden wir eines Tages gewonnen haben.
Mein Onkel, ein Oberst der Nationalen Volksarmee, der damals bei uns aus und ein ging, beschäftigte sich häufig mit mir und nahm sich Zeit, ausführlich meine Fragen zu beantworten. Während meiner letzten Schuljahre, als ich mich für das Abitur vorbereitete, fühlte ich mich sehr stark zu ihm hingezogen und so war es für mich selbstverständlich, seinem Wunsch zu entsprechen. Er war nämlich der Erste, der mir auftrug, die Haltungen meiner Mitschüler zu erkunden und auf diese Weise herauszufinden, wer für welche Art Karriere geeignet schien oder nicht.
Auf diese Weise konnte ich dem Land, von dem ich mir die Zukunft versprach, schon recht gut dienen und der Schritt, mich ganz und gar den Sicherheitsorganen zu verschreiben, war nichts weniger als folgerichtig. Im Alter von zwanzig Jahren war ich einer von denen, die dafür einstanden, dass Ruhe und Ordnung in der Republik herrschten und die stolz darauf waren, eine solche Verantwortung tragen zu dürfen.
Mein Leben verlief eine Weile unglaublich glatt und für meine Begriffe auch ausgesprochen glücklich. Ich verliebte mich in eine Sekretärin, die beim Außenhandel angestellt war, heiratete bald und wurde Vater zweier Töchter. Meine dienstlichen Aufgaben brachten mich durchaus nicht in Kollision mit der Bevölkerung, obwohl heutzutage kaum noch jemand etwas davon wissen will, dass es damals Zeiten gab, in denen noch kein „kalter Bürger- krieg“ herrschte.
Der begann erst ungefähr Anfang der achtziger Jahre, als selbst die blindesten Parteigenossen merkten, dass es besonders unter der Jugend gärte. Die Heranwachsenden zweifelten an der Sache, die wir für die Beste und Gerechteste der Welt hielten; sie hatten sich der wilden Musik verschrieben, die seit den Sechzigern den Globus in Aufruhr versetzte, und sie achteten weder Gesetze noch Tradition. Die Werte der um ihre Rechte kämpfenden Arbeiterklasse verlachten sie und selbst erfahrene Pädagogen an Schulen und Universitäten waren machtlos gegen das, was uns da entgegenwuchs.
Wie viele meiner Kollegen hoffte ich trotzdem, dass wir die Aufmüpfigen in den Griff bekommen könnten. Es sollte kein Problem sein, weiter dafür zu sorgen, dass der Sozialismus die gierigen Wölfe in Schach hielt, die allenthalben auf Fehler lauerten, die wir etwa begehen mochten. Obwohl ich bald begriff, dass wir gegen Windmühlen kämpften.
Ich war nach Leipzig versetzt worden und leitete Verhöre. Dabei ging es meistens um Leute, die sich einbildeten, im Westen sei alles besser und die deshalb versucht hatten, über eines unserer Bruderländer illegal in die ersehnte Traumwelt zu gelangen. Und diese Menschen führten mich zu Erfahrungen, die mich bald zu quälen begannen und meine Begeisterung für die Position unseres Staates schrumpfen ließen.
Ärzte und Wissenschaftler lernte ich kennen, die sich wünschten, in ihren Forschungen vorwärts zu kommen und sich bereits dadurch gehindert sahen, dass sie keine aktuelle Fachliteratur bekamen. Junge Leute, die im Grunde nur Rockkonzerte besuchen wollten und keine Möglichkeit wussten, ihr Vorhaben durchzuführen. Oder Schulabgänger, die von einem Beruf träumten, der auf unserer Seite eben nicht existierte, Werbetexter etwa oder Landschaftsarchitekt.
Anfangs weigerte ich mich, diese Menschen ernst zu nehmen, musste es aber bald, weil sie mir sympathisch waren und ich dagegen nichts tun konnte. Ich glaubte ihnen, dass sie sich nicht gegen unsere Sache wenden wollten. Manche von ihnen betrachteten den Sozialismus sogar als ähnlich zukunftsweisend wie ich und meinten nur, wir wollten ihn „diktatorisch“ durchsetzen, was einem guten menschlichen Zusammenleben nicht förderlich sei. Also wusste ich, dass sie keine Feinde waren, obwohl meine Aufgabe darin bestand, sie als solche zu behandeln.
Das begann mich zusehends zu beschäftigen. Bald merkte ich auch, dass ich nicht der Einzige war, dem es so ging. Und dass es unter uns mindestens zwei große Gruppen gab, die einander aus dem Weg zu gehen versuchten: diejenigen, die sahen, was tatsächlich geschah und diejenigen, die ihre Augen davor verschlossen.
Das Wissen, dass viele, die wegen Republikflucht zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt worden waren, ziemlich rasch in einen Bus verfrachtet wurden, der sie nach Westdeutschland transportierte, machte es mir leichter, verhalf mir aber nicht vollends zu einem guten Gewissen. Schließlich war das Ganze kaum etwas Anderes als blanker Menschenhandel.
Zuweilen überlegte ich auch, ob es sinnvoll wäre, sich mit denen zusammenzutun, die sehen wollten. Bis mir klar wurde, dass diese – zumindest scheinbar – in der Minderheit waren. Und dass wir einander nicht trauen konnten.
Ich steckte in einem furchtbaren Dilemma, denn wenn ich laut sagte, was ich dachte, war ich geliefert. Viele meiner Kollegen und vor allem meine Vorgesetzten hatten sich der Sache mindestens ebenso konsequent und begeistert verschrieben wie ich selbst vorzeiten und ich wusste, dass Zweifler oder Zauderer für sie so ziemlich dasselbe waren wie Verräter. Eine jahrelange Haft wäre das Mindeste, das sie mir antun könnten; am wahrscheinlichsten aber war eine Kugel.
Nun bot mein Leben so einiges an Bequemlichkeiten, zumal ich bislang zu den Privilegierten gehörte. Vielleicht waren es nicht gerade herausragende Vorteile, an heutigen Maßstäben gemessen, aber spürbare eben doch. Und so muss ich gestehen, dass ich daran hing. Vor dem Tod fürchtete ich mich sowieso, hatte ich doch von klein auf gelernt, dass mit ihm alles aus sei. Alles im Vollsinne des Wortes.
Deshalb musste ich mir eingestehen, dass ich im Grunde genommen nur von Angst getrieben lebte. Erst recht dann, als ich gemerkt hatte, dass diejenigen, die wir „Verbrecher“ und „Feinde“ nannten, nichts weiter wollten als eine bessere Welt. So wie ich selbst.
Um mich hatte sich ein Teufelskreis geschlossen, aus dem ich nicht mehr entrinnen konnte. Ich sandte tapfere und herzensgute Menschen ins Gefängnis, aus blanker Angst. Ich trennte Familien und sorgte mit gezielter Falschinformation dafür, dass sie sich niemals wieder zusammenfinden würden, aus blanker Angst. Ich zerschlug Freundeskreise und Vereine aus blanker, nackter Angst. Denn sobald ich nicht mehr tun würde, was ich tat, würden sie mich selbst dem Schrecken aussetzen, das wusste ich nur zu genau.
Dabei vermochte ich nicht mehr viel zu glauben. Wohl verstand ich, dass der Westen tatsächlich so tückisch und boshaft handelte wie ich es von Kindheit an gelernt hatte. Doch ich befürchtete nun, das wir es im Grunde nicht besser machten und begann, mich für meine Existenz schuldig zu fühlen. Und das vergiftete mein Leben.
Was nützte es zu wissen, dass die Amerikaner den wackeren chilenischen Präsidenten Allende ermordet hatten und alle Welt glauben machen wollten, er habe sich selbst getötet? Was half mir die Überzeugung, dass alle Kriege und alles Töten auf dem Planeten von großkotzigen Washingtoner Drahtziehern gesteuert wurden, denen niemand außer uns etwas entgegenzusetzen wagte? Denn ich sah nun, dass wir nicht die Guten waren, die wir immer hatten sein wollen, und überdies ging meine Familie in die Binsen.
Mit meiner Frau sprach ich kaum noch; ich wusste nicht, was sie trieb, wenn sie zuweilen später nach Hause kam als ich. Und die Töchter, die inzwischen ins Jugendalter gekommen waren, wechselten kein Wort mehr mit mir.
In der Welt ging es drunter und drüber. Die Afghanistanfrage und Tschernobyl untergruben unser Vertrauen in die Absichten unseres großen Bruderlandes Sowjetunion. Erst als ein Herr Gorbatschow mehr und mehr von sich reden machte, begann ich noch einmal zu hoffen.
Dieser Mann war allem Anschein nach ein ehrlicher Kommunist, einer, der das Getue nicht länger aushielt, die Falschheit und die Lüge, mit der man uns seit Jahren zu leben zwang. Er war einer, der die Fenster öffnete, um frische Luft herein zu lassen. Für kurze Zeit wurde er zu meinem großen Leitstern.
Ich spürte, wie meine Vorgesetzten den Namen Gorbatschow zu fürchten begannen, bemerkte, wie unsicher sie zuweilen wurden. Und in Berlin hielten sich die alten Genossen an ihren Tischen fest als seien sie versteinert und trafen keine Entscheidungen mehr.
Irgendwann musste das Fass explodieren, gab es einen Blitz, ein Unwetter, einen übermächtigen Krach. Dann flog uns alles um die Ohren, was wir mühsam zu erhalten suchten.
Und so kam es denn auch. Zu meinem Erstaunen gelang es allen Beteiligten, die chinesische Vorbildwirkung und ein Blutbad zu vermeiden. Aber mit einem Schlag versank ein Gesellschaftsmodell in den Fluten der Geschichte, von dem ich lange Zeit fest geglaubt hatte, es könne die Welt retten.
Mein Leben brach daraufhin völlig zusammen. Ich stand buchstäblich auf der Straße, hatte im Grunde gar nichts mehr. Denn Frau und Töchter verließen mich beinahe gleichzeitig und nachdem ich meine Waffe hatte abgeben müssen, wusste ich kaum noch, wie ich den bedrohlichen Anpöbeleien, denen ich mich zuweilen ausgesetzt sah, begegnen konnte.
Ein einstiger Kollege, ein älterer Mann schon, bewahrte mich vor dem endgültigen Abstieg und verschaffte mir eine Tätigkeit in einem Großhandelslager. So hatte ich wenigstens etwas zu tun, vermochte mein Leben zu fristen und bekam Gelegenheit, über das Gewesene Bilanz zu ziehen.
Abends saß ich in meiner Wohnung herum, aß wenig, trank ziemlich viel und grübelte. Ständig stellte ich mir die gleichen Fragen, fand nirgends eine befriedigende Antwort und fühlte mich miserabel. Die Wut, die das Volk, dem ich einst hatte dienen wollen, unsereinem entgegenbrachte, war furchtbar. Auf einmal verfolgte mich grenzen- und uferloser Hass. Ich gehörte zu den Bösen schlechthin und hatte mir doch so lange eingebildet, unter den Guten zu sein. Kein Wunder, dass auch meine Kollegen plötzlich wie vom Erdboden verschluckt waren, untertauchten, um irgendwo weiterzumachen, wo man weder sie selbst noch ihren Lebenslauf kannte.
Eines Abends legte ich ein leeres Blatt vor mich auf den Tisch und schrieb: Bin ich ein Verbrecher gewesen? Wenn ja, war ich es mein Leben lang oder nur einige Jahre? Welche Strafe wäre die gerechteste für mich? Wie könnte ich mich selbst bestrafen? Soll ich mich überhaupt selber verurteilen? – Welchen Sinn hat mein Leben? – Wann ist das, was ich getan habe, verjährt?
Wochenlang saß ich vor diesem Blatt Papier und geriet allmählich an den Rand der Verzweiflung. Ich suchte nach Entschuldigungen für das Gewesene und spürte selbst, dass sie nur Ausflüchte waren.
Jedes Land der Erde, das es sich einigermaßen leisten kann, betreibt einen Geheimdienst. Manchmal wird ein solches Organ mehr dafür benutzt, im Inneren für eine gewisse Ordnung zu sorgen und manchmal, um Strategien und Interessen von Nachbarländern oder vermeintlichen Gegnern auszukundschaften. Muss man alle Geheimdienstmitglieder eines jeden Landes als Verbrecher betrachten?
Warum war es böse, der Staatssicherheit der ostdeutschen Schattenrepublik anzugehören, während sich indessen niemand darüber aufregt, dass es so etwas wie die CIA gibt? Auch die so vorbildlich demokratischen Amerikaner schicken Menschen in Gefängnisse, aus politischen oder teilweise noch ungeklärten Gründen, und sie foltern nach Herzenslust, wenn es darauf ankommt. Ich selbst habe zwar Verhaftungen und „Zuführungen“ – wie man das bei uns nannte – geleitet, die hin und wieder auch einigermaßen grob abliefen, aber konkrete Quälereien habe ich niemals angeordnet. Nichtsdestoweniger wusste ich, dass man in einigen unserer Gefängnisse nicht übermäßig zimperlich mit deren Insassen verfuhr. Wieviel Schuld trifft mich daran?
Ich habe nicht jedem geschadet, über den ich etwa an höherer Stelle berichtete. Mancher durfte daraufhin Karriere machen. Dass aber so viele nicht ihren Traumberuf ausüben konnten, war Alltag in unserem ausgebleichten Land und nur gelegentlich auf Stasi-Akten zurückzuführen.
Ganz allmählich fügte ich mich in die neue Zeit. Ich hörte mit den selbstquälerischen Fragereien auf und wechselte nach einiger Zeit meinen Wohnort und meine Arbeit. Im Ruhrgebiet kannte mich niemand; ich belegte einen Lehrgang und war bald darauf Mitarbeiter eines Architektenbüros. Endlich konnte ich wieder etwas mehr Geld verdienen und ein Stück von dem genießen, was mir an Leben geblieben war.
Das meine ich tatsächlich so, denn ich war längst nicht mehr der Jüngste und spürte die ersten körperlichen Beeinträchtigungen. Diese aber fand ich erträglicher als das Gefühl des lebenslang Geächtetseins, das mir im Osten Deutschlands entgegenschlug.
Bald begegnete ich auch einer Frau, die gern mit mir leben wollte. Als ich ihr von dem erzählte, was ich getan hatte, lachte sie nur und meinte, sie fände es spannend, mit einem der „Bösen“ zusammen zu sein. Aber sie kam aus Köln und kannte mitnichten die Welt, die mich geprägt hatte.
Candida – so hieß sie – war eine heitere Person, obwohl sie, wie sie zuweilen betonte, als treue Katholikin regelmäßig die Kirche besuchte. Ich hatte ihresgleichen bislang als mittelalterlich, bigott und trübsinnig beurteilt und wurde durch sie eines Besseren belehrt. Nicht einmal verklemmt war sie, sondern brachte mir stattdessen einiges bei, was ich in früheren Jahren selbst als „unmoralisch“ betrachtet hätte. Wahrscheinlich machte sie sich keine Gedanken darüber, was etwa ein Priester von ihrer Lebensweise halten würde. Zu mir sagte sie manchmal, sie müsse so oft zur Beichte gehen, dass sie ein wenig Stoff dafür brauche.
Candida beeindruckte mich sehr. Zwar begleitete ich sie nie zu den sonntäglichen Messen, aber ich begann unmerklich an Gott zu glauben. Das mag dumm klingen, aber es war so. Ich fühlte mich so wohl mit ihr zusammen, dass ich gern annehmen wollte, es gebe eine unsichtbare Macht, die diese Frau in mein Leben gesteuert hatte.
Hin und wieder gingen wir spazieren und redeten viel. Sie riet mir wiederholt, ich solle „mir vergeben“, und da ich keine Ahnung hatte, wie ich das tun könnte, meinte sie, ich müsse meine Vergangenheit „loslassen“. Das verstand ich ebensowenig, aber sie behauptete, wenn ich einen schweren Gegenstand in der Hand hielte und diesen zu Boden fallen ließe, würde ich auch nicht so dumm fragen. „Loslassen“ sei nichts Anderes als das, loslassen eben.
Die, die sich von mir verletzt gefühlt hatten, würden mir das niemals verzeihen, hielt ich ihr entgegen. Das sei deren Sache, behauptete Candida, ich müsse mir nur selbst verzeihen. Was die Leute dächten, könnte ich niemals ändern.
Wenn ich trübsinnig war, was trotz allem hin und wieder vorkam, hielt ich ihr vor, ich habe damals so extreme Fehler gemacht, dass ich diese niemals wieder korrigieren könne. Ich müsse mit dem Bewusstsein leben, ein Verbrecher gewesen zu sein.
Candida hingegen behauptete, das sei nichts als horrender Blödsinn. Niemals mache ein Mensch überhaupt Fehler, sondern tue immer nur das, was er wisse und könne. Mehr dürfe man von niemandem verlangen. Ich war ihr unendlich dankbar, dass sie so mit mir sprach, und wenn ich irgendwann und irgendwo meinen Lebenslauf vorlegen musste, vertuschte ich die Jahre meiner Stasi-Mitgliedschaft nicht länger.
Mein Chef warnte mich zwar und sagte, ich müsse mir darüber klar sein, dass ein solcher „Fleck auf meiner Weste“ wohl kaum meine Karriere befördern werde, doch mir war wohler, wenn ich nichts verschwieg. Zu lange hatte ich in Angst gelebt und mich gezwungen, nichts zu hören, nichts zu sehen und nichts zu sagen.
Unsere Firma expandierte. Wir stellten neue Mitarbeiter ein. Ich war bald derjenige, der sich mit den Bewerbungen beschäftigte und die Gespräche durchführen sollte. Und eines Tages kam es dazu, dass ein Mann vor mir saß, der mich von Minute zu Minute misstrauischer musterte und unvermittelt fragte, ob ich achtzehn Jahre zuvor einmal „Stasimann“ gewesen sei.
Ich zuckte zusammen, denn irgendwo in meiner Erinnerung war sein Gesicht noch gespeichert. Dann gestand ich, dass er recht habe und beschrieb sogar, dass meine letzte Dienststelle in Leipzig gewesen sei.
Er betrachtete mich finster und fauchte: „Vor achtzehn Jahren hätte ich an dieser Stelle ausgespuckt und wäre gegangen. Du hast Glück, dass ich den Job unbedingt brauche. Und wenn du ihn mir gibst, zinke ich dich nicht an.“
„Anzinken hat keinen Zweck“, antwortete ich. „Jedermann hier weiß, dass ich bei der Stasi war. Und der Job hat auch nichts mit den alten Geschichten zu tun.“
Er erwiderte noch dies und jenes, während ich innerlich zitterte, aber obwohl ich von seiner Seite einiges befürchtete, legte ich ihm kein Hindernis in den Weg, so dass er bei uns angestellt wurde. Inzwischen erinnerte ich mich auch, dass er damals zu den Initiatoren einer Umweltgruppe gezählt hatte und auf meine Anordnung hin verhaftet worden war. Vielleicht hatte er ganze zwei Jahre im Gefängnis verbracht, was ich aber tatsächlich nur schätzen kann, denn für den weiteren Lauf der Dinge waren wiederum Andere zuständig gewesen.
Das Schwierige und mir nur schwer Erträgliche war nun aber, dass ich ihn beinahe täglich zu sehen bekam, denn er arbeitete in einem Büro unmittelbar neben dem meinen. Und ich wusste nicht, wie ich ihm begegnen sollte. Einesteils wollte ich entsprechend Candidas Rat handeln und zu dem stehen, was ich getan hatte, andererseits aber fürchtete ich dennoch das Urteil dieses Mannes, der, nebenbei gesagt, Mario hieß.
Meine Freundin schlug vor abzuwarten. Solche Dinge regele das Leben irgendwann und irgendwie, behauptete sie. Und es dauerte tatsächlich nur etwa acht Monate, bis sich etwas andeutete, worüber ich mich bis heute wundere.
Dieser Mario, der mir, sobald er meiner ansichtig wurde, geflissentlich aus dem Weg ging, wenn es sich irgend machen ließ, nahm urplötzlich Urlaub und zwar ganze vier Wochen. Er brauche Abstand und wolle den Jakobsweg gehen, munkelten die Kollegen. Ich war derjenige, der ihm seinen Antrag bewilligen musste und geriet für Augenblicke in die Versuchung, ihn durch meine Verweigerung herauszufordern. Schnell aber sah ich ein, dass mir das nichts bringen würde, genehmigte ihm die volle Zeit und wagte es, ihn zu fragen, was es mit jenem ominösen Jakobsweg auf sich habe.
„Davon hat deine Sorte keine Ahnung“, erwiderte er mit grimmiger Verachtung, „und es wäre auch das Beste, dir nichts davon zu erzählen. Aber du hast mir geholfen, den Job zu kriegen und deshalb will ich mal gerecht sein. – Also: Der Jakobsweg ist weit verzweigt, aber seine Hauptstrecke fängt in Saint-Jean- Pied-de-Port an der französisch-spanischen Grenze an und endet für die meisten in Santiago de Compostela in Galizien, für manche auch erst am Kap Finisterre. Man kann ihn zu Fuß gehen, per Fahrrad zurücklegen oder auf dem Rücken eines Pferdes. Und mindestens die letzten hundert Kilometer sind Pflicht. Wer eine Frage hat in seinem Leben und keine Antwort finden kann, der geht diesen Weg, und wer nicht weiß, wie es weitergehen soll, auch, aber das können bloß Leute verstehen, die an etwas glauben und nicht abgestumpft sind. – Genügt das?“
Ich steckte seine verbalen Seitenhiebe ein und traute mich nicht, weiter in ihn zu dringen. Stattdessen erkundigte ich mich zusätzlich bei Candida.
„Darüber nachzudenken hat keinen Zweck“, behauptete sie. „Nach allem, was du mir über diesen Mario erzählt hast, sage ich dir eins: Wenn du den Weg ebenfalls gehst, am besten zu gleicher Zeit, kannst du mehr gewinnen als du dir je vorgestellt hast. Wenn du aber bloß rausfinden willst, was Pilgern bedeutet, lies ein paar Bücher darüber. Doch dann bleibt alles so wie es war.“
Darauf vermochte ich nichts zu erwidern und ich wusste ebensowenig, wie sie das meinte. Ihre Worte drangen trotzdem tief in mich ein, denn seit langem war sie die liebste und ange- nehmste Person in meinem Leben. Ich hätte sie sogar geheiratet, aber da sie geschieden und trotzdem noch katholisch war, durfte sie keine offizielle Partnerschaft mehr eingehen.
Nun wusste ich, wann Mario seinen Weg antreten wollte, reichte selbst Urlaub ein und ließ meine Wanderschaft einen Tag nach der seinigen beginnen. Vor uns beiden lagen vier Wochen und wir brachen, um innerhalb dieses Zeitfensters zu bleiben, in der Ebrostadt Logroño auf.
Ich hoffte, ihm zu begegnen und gleichzeitig fürchtete ich ein Zusammentreffen. Von dem Weg selbst wusste ich nicht mehr als man mir bis dahin mitgeteilt hatte und so trug ich zumindest einen Reiseführer bei mir, nach dem ich meine Pilgertage gestaltete. Obendrein schritt ich mehrere Tage mutterseelenallein dahin und übernachtete in irgendwelchen Pensionen, weil ich fürchtete, mit denen, die hier unterwegs waren, nichts gemein zu haben.
Als ich Burgos erreicht hatte, gesellte ich mich schließlich zu anderen Menschen, die wie ich deutsch sprachen oder für die meine Englischkenntnisse zur Unterhaltung ausreichten. Und so entfaltete sich unmerklich eine mir noch unbekannte, aber weite und bunte Welt, während das innere Gefängnis, in dem ich so lange verharrt hatte, zusehends verblasste.
Bald sah ich ein, dass man Leben weder planen noch organisieren konnte, weder für Andere noch für sich selbst. Die beste erträumte Gesellschaft kann niemals von außen errichtet werden, durch Politik etwa oder Klassenkampf, wie wir früher dachten, oder auch durch irgendwelche hinterhältigen Verträge. Dafür ist der Mensch ein zu großes Geheimnis, ist das zu unberechenbar, was ihn ausmacht, ist er zu sehr auf dem Weg. Immer ist alles offen und niemals gelangt er an ein endgültiges Ziel. Wenn es ihn stört, unterwegs zu sein, wird er leiden, unweigerlich und auch gleichgültig, in welcher Gesellschaft er lebt.
Mit jedem Schritt, den ich ging, fielen ganze Berge unverdauter Ideologien von mir ab. Ich lächelte Menschen an, deren Sprache ich nicht verstand und mit denen ich mich dennoch eins fühlte. Und ich wünschte mir, es gäbe einen Gott, der die Leute nicht in die Kirchen führte, sondern ins Glück.
Erst irgendwo hinter Astorga holte ich Mario ein. Unversehens schritten wir nebeneinander her und sprachen kein einziges Wort. Hin und wieder sahen wir einander verstohlen an und am späten Nachmittag machten wir in derselben Herberge Halt.
Abends saß ich auf meiner Bettkante und verzehrte einen der riesigen spanischen Äpfel, als sich Mario zu mir setzte.
„Warum pilgerst du?“ fragte er mit drohendem Unterton in der Stimme. „Das ist nichts für dich. Oder glaubst du etwa an Gott?“
„Es tut mir gut, hier zu gehen“, antwortete ich. „Sonst weiß ich wirklich nicht, warum ich pilgere, wie du das nennst.“
Zum ersten Mal duzte ich ihn meinerseits auch. Wir hatten denselben Weg und dasselbe Ziel, zumindest äußerlich gesehen.
„Du hättest wenigstens eine Weile im Knast sitzen können“, grummelte er unwillig. „Bevor du dich hierher wagst.“
Darauf wusste ich nichts zu erwidern. Ich fühlte mich hilflos und ausgesetzt und hörte auf, an meinem Apfel zu kauen. Endlich erhob er sich und ließ mich in Frieden.
Am Folgetag war ich vor ihm unterwegs, doch irgendwann holte er mich ein. Wieder schritten wir kilometerweit schweigend nebeneinander her. Dann wählte ich eine Herberge und er ging weiter.
Erst kurz vor Santiago trafen wir von neuem aufeinander. Wir wanderten gemeinsam durch ausgestreckte Eukalyptuswälder und hielten schließlich Rast.
„Ich kann es nicht ertragen, dass du auch auf dem Jakobsweg gehst“, sagte Mario plötzlich. „Natürlich muss ich dich das tun lassen, aber ich halte es nur schwer aus.“
„Wir sind ja bald da“, tröstete ich ihn. „Dann hast du’s gelöst.“
„Nein“, bestritt er. „Dann arbeiten wir wieder in einer Firma zusammen.“
„Wer soll verschwinden?“ versuchte ich ihn herauszufordern. „Du oder ich?“
Er schwieg eine Weile.
„Es ist kein Zufall, dass wir immer wieder aufeinandertreffen“, sagte er dann leise. „Das stört mich am meisten.“
„Wie meinst du das?“ wollte ich wissen.
„Wenn es kein Zufall ist, ist es Gottes Wille“, versetzte er in einem eigenartigen Ton, in dem keinerlei Wut oder Ärger mehr lagen.
Auch darauf wusste ich keine Antwort. Aber von nun an gingen wir Seite an Seite bis Santiago, obwohl wir kein Wort sprachen.
Zuletzt standen wir inmitten einer vielsprachigen Menge vor der Kathedrale, doch anstatt das Gebäude zu bewundern, wandten wir einander unsere Gesichter zu.
„Es scheint, dass wir da sind“, sagte Mario und grinste.
„Wir sind da“, bestätigte ich und ich weiß nicht, warum wir uns an dieser Stelle umarmten.
Vielleicht glaubten wir noch immer nicht an denselben Gott, aber wir mussten es einfach tun. Denn wären wir jetzt unversöhnlich auseinandergegangen, hätten wir uns beide eines Verbrechens schuldig gemacht.

(Aus: A. H. Buchwald, GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL - Der Weg zum eigenen Weg, Teil 3; eBook AndreBuchVerlag 2011; Text ohne Fußnoten übernommen)


Schwein und Sein

Erstellt von: nanabosho in Community Blog

Tagged in: Tagebuch

nanabosho


Leider interessierte es niemanden, dass Michael Boncors Leben zusammenbrach und deshalb blieb er allein inmitten der Scherben sitzen. Ein Haus hatte er besessen und mit einer schönen, aber starrsinnigen Frau zwei ungeratene Söhne in die Welt gesetzt, aber davon war ihm nichts geblieben. Was das Gebäude betraf, so hatte die Bank auf einer termingemäßen Abzahlung des Kredits bestanden, ohne die Veränderung seiner Einkom- mensverhältnisse zu berücksichtigen, und die Mutter seiner Kinder war eines schönen Tages zu dem Schluss gekommen, er sei ein Versager, Verlierer und weltfremder Träumer. Sie hatte ihn wegen eines Immobilienmaklers verlassen, der die Dinge im Griff behielt, Beziehungen bis in höchste Kreise pflegte und darüberhinaus wie das Wahrzeichen eines Fitness-Studios aussah. Die beiden Jungen, die ihre Schulzeit noch nicht beendet hatten, waren ihr gefolgt und er konnte sich leicht vorstellen, was sie ihnen über die Lusche erzählte, die unglücklicherweise ihr Vater war.
Die Menschen, denen Michael Vertrauen geschenkt hatte – Leichtgläubigkeit gehörte zu seinen hervorragendsten Eigenschaften – waren samt und sonders Betrüger gewesen. Sie hatten ihm Kreditverträge als renditeversprechende Anlagen verkauft und dafür gesorgt, dass seine Schulden rascher anwuchsen als seine sonstigen Sorgen; sie hatten ihm auf die Schultern geklopft und ihn ermuntert, den Kopf zu heben, denn sie würden ihn sicher zwischen allen Klippen des Finanzmarkts hindurchmanövrieren, wenn er sie nur machen ließe. Nun, er hatte sie machen lassen, bis er sich vollkommen jenseits all dessen wiederfand, was man noch entfernt als Finanzmarkt hätte bezeichnen können.
Einstige Freunde und Verwandte hatten gleichermaßen begonnen, ihn mit Tadel und Vorwürfen zu überhäufen. Der Verlust seiner Arbeitsstelle und die Tatsache, dass das Schiff seines Lebens in einen Sturm geraten war, in dem es zu kentern drohte, bot ihnen hinreichend Anlass dazu. Und als das Unglück komplett über ihn hereinbrach, verließen sie ihn alle. Wohl äußerte dieser oder jener ein höfliches Bedauern, wenn er Michael auf der Straße begegnete, hatte es jedoch merklich eilig, wieder Abstand von ihm zu nehmen. Zuweilen fühlte der Schicksalgezeichnete sich, als habe er die Beulenpest oder Lepra bekommen und fragte sich, womit er den rasanten Absturz ausgelöst haben mochte.
Geblieben war ihm eine klitzekleine Wohnung im Erdgeschoss eines alten, kältefeuchten Mietshauses und ein Grundsicherungsbetrag, den das dafür zuständige Amt Monat für Monat auf sein Konto überwies. Um sich besser zu behelfen, trug er Zeitungen aus, denn für eine neuerliche Anstellung als Kraftfahrzeugelektriker – so nannte man das, was er einst gelernt hatte – disqualifizierte ihn bereits sein Alter. Obwohl er sich durchaus gesund fühlte, vermochte er einzusehen, dass die Zahl Fünfundvierzig für einen dynamischen Arbeitsmarkt nicht sonderlich verheißungsvoll klang. Trotzdem ärgerte er sich zuweilen, wenn man ihm verschiedene Lehrgänge anbot, gleichzeitig aber versprach, dass diese ihm keine neue Anstellung einbringen würden.
Monatelang pendelte er zwischen Selbstmordgedanken und Hoffnungen hin und her und war sich beinahe sicher, dass niemand auf der großen weiten Welt ihn, Michael Boncor, brauchte. Was er dachte, war irrelevant, was er tat, bedeutete noch viel weniger. Alles, was je geschah, verlief ohne sein Zutun und ging an ihm vorüber, beinahe so, als befände sich eine dicke Glasscheibe zwischen ihm und dem Leben. Er besaß nicht die Kraft, sie zu durchbrechen und nicht den Mut, all dem ein Ende zu machen.
Bis er eines Morgens sein Miniradio anknipste und ein Lied erklang, das er wohl schon mehr als hundert Mal gehört hatte, ihm in diesem Augenblick aber durch Mark und Bein fuhr:
ich war immer freundlich lieb und nett, kriegte nie irgend ’ne frau ins bett. und dann auf macho, cool und arrogant: plötzlich kamen sie angerannt
und wieder seh’ ich wie ’s im leben läuft: wer hart ist, laut und sich besäuft, kommt bei den frauen besser an, wer will schon ’nen lieben mann
daraus ziehst du konsequenzen. und du schaltest um auf schlecht. die welt ist ein gerichtssaal und die bösen kriegen recht.
du musst ein schwein sein in dieser welt – schwein sein du musst gemein sein in dieser welt – gemein sein.
denn willst du ehrlich durchs leben geh’n – ehrlich, kriegst ’n arschtritt als dankeschön – gefährlich ...( Vgl. Die Prinzen, Lyrics.)
Michael lauschte eine Weile und begann zu zittern. Schließlich sprang er auf, begann zu lachen und schmetterte aus vollem Halse mit: „Du musst ein Schwein sein in dieser Welt!“
Das war es. Darin bestand der Fehler, den er gemacht, ja, worin man ihn sogar erzogen hatte! Deshalb also! Deshalb mieden sie ihn, wussten nichts mit ihm anzufangen, bedauerten ihn im Höchstfall! Deshalb hatte ihn das Schicksal gebeutelt! Der „Arschtritt“ war es gewesen, den er als „Dankeschön“ bekommen hatte! Denn „ehrlich durch’s Leben zu gehen“, das war seine Devise gewesen, das hatte er immer gewollt!
Seit dem Fall der grauen Republik hatte sich die Welt verändert und auf eine Weise gewandelt, die ihre einstigen Bewohner oft bis zum heutigen Tag nur schwer begriffen. Was über sie hereingebrochen war, hatten sie nicht durchschaut. Zum Glück aber gab es Menschen, die Lieder dichteten, Lieder wie das Schwein Sein ! Sie sagten deutlich, worum es ging, sie zeigten den Suchenden den einzig möglichen Weg!
Michael tanzte durch seine kleine Wohnung. Eine wahnsinnige Bereitschaft breitete sich in ihm aus. Von nun an wollte er „Schwein sein“, offen dafür, wie man es anstellte, reich zu werden, Erfolg zu haben und den Frauen reihenweise die Herzen zu brechen.
Leider setzte bereits eine Stunde danach eine vorsichtige Ernüchterung ein. Die Frage Womit beginne ich da eigentlich? setzte ihm zu. Und er begann einzusehen, dass er auch das würde lernen müssen.
Wie werde ich zum Schwein? Gab es etwa Literatur zu diesem Thema, Ratgeber oder Ähnliches?
Da er es nicht wusste, beschloss er, sich umzusehen. In der größten Buchhandlung seiner Stadt gab es Bänke, auf denen man verweilen und in zahlreichen Bänden blättern durfte. Wenn einer über viel Zeit verfügte, konnte er vielleicht sogar ein ganzes Buch lesend durchkämmen. Und da Michael sich finanziell äußerst klamm fühlte, beschloss er, sich diesen Umstand zunutze zu machen.
Leider fand er keinen Titel, der sich regelrecht auf das „Schwein sein“ bezog, dafür jedoch eine kaum überschaubare Menge an Werken, die ihre Leser in die Geheimnisse des Erfolg- Habens, des Geld-Erschaffens und des gekonnten Umgarnens von Frauen einzuführen versprachen. Und mit diesen befasste er sich.
Erschütternde und aufwühlende Erkenntnisse beutelten ihn, nachdem er in mehreren Büchern Kapitel entdeckt hatte, die treffsicher seine eigene Situation beschrieben. Und er verstand blitzartig, dass es sein schlechtes Gewissen gewesen war, das ihn bislang daran gehindert hatte, richtig viel Geld zu verdienen, dass seine Furcht, anderen Menschen vielleicht zu schaden, sein Unbewusstes beherrschte und das Universum daran hinderte, ihn mit finanziellen Geschenken zu überhäufen.
Und, als sei die Spur, die er endlich gefunden hatte, noch nicht genug, begegnete er einem Mann, der ihm schnelle und unbürokratische Hilfe anbot.
Felix Niederland hieß dieser, war groß und sportlich und zog die Menschen schon allein mit den Blicken seiner stahlblauen Augen an. Eines Tages saß er neben Michael auf der Leserbank und sagte leise, aber bestimmt:
„Ein Wochenendseminar bei mir und Sie sind aus allem Schlamassel raus!“
Der Angesprochene zuckte zusammen, überlegte kurz und erwiderte dann: „Ich kann kein Seminar bezahlen.“
„Kein Problem“, versetzte der Blauäugige leichthin, stellte sich vor und fuhr fort: „Die meisten, die zu uns kommen, sind nicht in der Lage, die Gebühren vollständig und sofort zu entrichten. Wir können eine Ratenzahlung vereinbaren und die Sache läuft. Das Ganze würde dreihundertachtzig Euro kosten und wenn Sie im Monat nur zwanzig zahlen, ist die Sache nach anderthalb Jahren für Sie erledigt. Bedenken Sie, dass Sie praktisch keine Zinsen auf den Tisch zu legen brauchen und bedenken Sie weiter, dass Sie nach dem Seminar bereits dermaßen viel Geld in Ihr Leben ziehen werden, dass sie mich wahrscheinlich schon nach einigen Wochen auf Knien bitten, die Summe sofort abzahlen zu dürfen.“
„Aber ich weiß doch eigentlich schon alles“, wandte Michael zaghaft ein.
„Ach, Sie meinen, weil es in diesem Buch so und so steht, funktioniert es, nur weil Sie jetzt schon mal anders denken?“ Felix Niederland schüttelte wissend und vieldeutig den Kopf. „Da muss ich Ihnen sagen, dass Ihnen das ganzheitliche Prinzip noch fremd ist. Es darf nicht nur in Ihrem Kopf sein, es muss in Ihre Zellen sinken, Sie müssen sicher sein, dass sie an keiner Stelle mehr ein schlechtes Gewissen oder Schuldgefühle haben und so weiter. Dazu dient mein Seminar. Tausend Leute wie Sie lesen derartige Bücher, aber nur bei einem oder zweien zeigen sich Ergebnisse. Das hat eben seinen Grund.“
Michael staunte. Und sagte seine Teilnahme am nächstbesten Wochenendseminar bei Felix Niederland zu. Nicht ohne einen Ratenzahlungsvertrag abgeschlossen zu haben.
So nahm das Wunder seinen Lauf.
In einem leerstehenden Büroraum traf Michael gezielt auf den Blauäugigen sowie auf ungefähr zwanzig weitere Personen, die auf Gedeih und Verderb bereit waren, sich in die Geheimnisse des schnellen Erschaffens von Geld und des dauerhaften Erfolges einweihen zu lassen.
Nach diesem Intensivwochenende dauerte es nur vier Tage, bis etwas geschah, was Michael den Beweis lieferte, dass alles so funktionierte, wie es Felix Niederland versprochen hatte: Eine müßiggängerische Tante, die in München wohnte, erinnerte sich an ihren Neffen und dessen Unglück, von dem sie gehört hatte, rief ihn unerwartet an und fragte nach seiner Kontonummer. Froh, überhaupt noch über so etwas wie ein Konto zu verfügen, diktierte Michael die zehnstellige Zahl samt all dem, was die Dame zusätzlich wissen wollte und durfte nach drei weiteren Tagen feststellen, dass er eine Überweisung von sage und schreibe dreitausend Euro erhalten hatte.
Glücklich und gierig beschloss er, den eingeschlagenen Pfad unbedingt weiter zu verfolgen und sprach an jedem Abend kurz vor dem Schlafengehen mit seinem Spiegel:
„Geld ist gut. Alles, womit ich Geld verdienen kann, ist gut. Geld ist für mich da und ich liebe es. Geld macht glücklich.“
Und das Gesicht im Spiegel antwortete mit zufriedenem Grinsen.
Schlag auf Schlag veränderte sich Michaels Leben. Er vermochte es kaum zu fassen, aber er konnte, ja musste sich vom Sozialtropf des Staates lösen und bekam wieder Arbeit. Aller- dings keine wie früher, die mit einem festen Lohn bezahlt wurde. Sondern eine selbstständige Tätigkeit.
Um den Geldfluss zu beschleunigen, hatte ihm Felix Niederland geraten, selbst darin zu baden. Er solle anderen Menschen Anlageverträge verkaufen, um ihnen zu helfen, ihr Geld zu vermehren. Selbst könne er dabei mehr als genug verdienen, viel, viel mehr, als er sich in früheren Jahren je hätte träumen lassen.
Auf diese Weise stieg Michael zu einem Finanzberater auf. Er besuchte weitere Seminare und wusste nun, dass es nicht nur für ihn selbst hilfreich war, Geld zu verdienen, sondern dass er mit seiner Tätigkeit sogar Segen verbreiten konnte. Es dürstete die Menschen nach Sicherheit und ebenso danach, dass ihr Schwerverdientes sich vermehrte, um ihnen ein geruhsames Alter zu bescheren. Und auf diesem Wege kam man ihnen entgegen, sorgte dafür, dass sie bestimmte Summen auf sichere Konten überwiesen, wo das Geld – vorausgesetzt, es blieb ungestört – hohen Gewinn erwirtschaftete. Nach zwanzig Jahren war es für einen Anleger möglich, nahezu das Doppelte des Eingezahlten zu e halten, wenn nicht sogar mehr. Gegenwärtig aber sorgte derselbe Anleger dafür, dass Michael erhielt, was ihm zustand, nämlich einen beträchtlichen Anteil der Anlagesumme als Provision.
An sein einstiges Pech zurückdenkend empfand der Aufgestiegene zuweilen ein peinliches Gefühl, denn er vermochte sich noch daran zu erinnern, dass auch er einst Verträge abgeschlossen hatte, die vielversprechend klangen, aber nur die angelegten Summen vollständig vernichteten. Damals hatte er gemeint, man habe ihn betrogen, aber nun wusste er, dass es falsch war, beim Geldverdienen ein schlechtes Gewissen zu pflegen. Jeder musste das lernen, jeder! Geld war gut und auch die Art und Weise, mit der man es in sein Leben zog. Es war falsch und verderblich, diese Vorgänge zu werten, es brachte einen nicht weiter. Das Universum wartete nur darauf, einen zu beschenken, mit Skrupeln jedoch würde man es nur daran hindern.
Deshalb verkaufte Michael Anlageverträge und Versicherungen, was das Zeug hielt. Die unbedeutende Summe, die er einst für das Wochenendseminar Felix Niederlands hatte aufwenden müssen, nahm sich lächerlich gegen die Beträge aus, die er nun fast wöchentlich einnahm. Und mit der wachsenden Summe auf seinem Konto mehrten sich seine Frauenbekanntschaften.
Nach knapp zwei Jahren nur hatte er die meisten Ziele seines Strebens erreicht. Sämtliche Schulden waren vergessen und er stand auf der Sonnenseite des Lebens. Er trug maßgeschneiderte Anzüge und besuchte die meisten seiner Kunden in einem MERCEDES der S-Klasse. Drei einflussreiche Damen bewarben sich um ihn und hofften sogar auf Heirat. Vier weitere besuchte er gelegentlich, um sich zu zerstreuen.
Gut war es, so zu leben, richtig und gerecht. Endlich hatte er gelernt, Schwein zu sein, und er genoss es weidlich. Sein Gewissen war rein und plagte ihn nicht. Den Prinzen war er zu Dank verpflichtet und dem blauäugigen Felix Niederland auch, den er seit jenem Seminar nicht wiedergesehen hatte.
Der einzige Umstand, der ihm noch immer Rätsel aufgab, war die unsichtbare Glasscheibe, die ihn vom Leben trennte. Während der banalsten und erhabensten Augenblicke empfand
er sie und wusste nicht, was er tun sollte, um sie zu beseitigen. Schließlich konnte er sich nun alles leisten und an allem teilnehmen, was ihm in den Sinn kam. Keine Frau, nach der ihn gelüstete, wies ihn ab, kein Reiseabenteuer, das ihm vorschwebte, ließ er aus. Nirgendwo existierte ein Grund, der ihn zwang, sich weiterhin draußen zu fühlen und dennoch war es so.
Das Geld floss weiter und er mühte sich, die Empfindung des Danebenstehens aus seinem Geist zu verbannen. Einige seiner Kunden stiegen aus und drohten, ihn zu verklagen, weil sie das Kleingedruckte in ihren Verträgen nicht gelesen hatten und nicht glauben wollten, dass sie ihre Einzahlsummen für achtzehn oder zwanzig Jahre festgenagelt hatten. Doch sie waren erwachsen und allein verantwortlich für ihre Taten. Ihn traf keine Schuld, wenn er nicht jedem einzelnen bei Vertragsabschluss dessen Begleiterscheinungen haarklein auseinandersetzte. Er übergab die strittigen Angelegenheiten seinem Anwalt und dieser Mann verstand sein Geschäft und war das Honorar wert, das er verlangte. Meist fiel die Klage auf den Kläger zurück und es gab so manchen, der ebensoviel verlor wie vor Jahren Michael selbst.
Den aber kümmerten die Schicksale seiner Kunden wenig. Die Scheibe machte ihm zu schaffen, die unsichtbare Glasscheibe, die ihn unbarmherzig vom Leben trennte, von der merkbaren Erfahrung, tatsächlich am Leben zu sein. Stattdessen wankte der Ärmste durch die Ereignisse, lachte, trank, beschlief die Frauen, schloss neue Verträge ab, die ihm weitere Einnahmen bescherten und wusste sich dazu verdammt, unglücklich zu bleiben. Und ein neues Gefühl gesellte sich zu dem des Draußenseins, ein lästigeres und schwerer zu besiegendes: die Langeweile.
Er merkte, dass er nicht beteiligt war. Irgendeiner unterzeichnete die Anlageverträge, irgendeiner ging mit einer beliebigen Frau ins Bett, irgendeiner unternahm eine Reise nach Bali oder Thailand, irgendeiner saß hinter dem Lenkrad des protzigen MERCEDES, irgendeiner. Es ließ ihn merkwürdig kalt, was er auch tat und wo er auch war; wohl unterschrieb er mit seinem Namen, doch er wusste nicht mehr, wer sich dahinter verbarg.
Eines Tages machte ein Gerücht die Runde, das sich bald verdichten sollte: Die Vermögensberatungsfirma, die er, Michael Boncor vertrat, war nahe daran, Konkurs anzumelden. Es seien angeblich einige millionenschwere Kunden nicht mehr zufrieden und hätten Klagen aufgesetzt. Zudem wollten sie ihre Gelder aus allen Fonds zurückziehen. Die juristischen Verteidiger gerieten ins Wanken, kamen nicht mehr gegen die aufbrandende Welle derer an, die sich betrogen fühlten. Wenig später fielen die ersten Schadensersatzurteile zuungunsten der Firma und es sah ganz danach aus, als seien sie erst der Gipfel des Eisbergs.
Als die erste Klageschrift ihn selbst, Michael, erreichte, durchzuckte ihn ein eisiger Schreck. Nicht, dass ihn plötzlich wieder Gewissensbisse befielen, sondern es war die blanke Angst, die in ihm hochkroch. Was, wenn er nun wieder alles verlöre, wenn er ein weiteres Mal von neuem anfangen müsste?! Falls er das überhaupt schaffte, denn er war keinesfalls mehr der Jüngste! Was, wenn Felix Niederland und all die so wundervoll einleuchtenden Rezeptbücher ihn belogen hatten? Was, wenn selbst die Sache mit dem Schweinsein sich als Täuschung herausstellte?
Es dauerte nicht lange, bis er mehrmals auf Schadensersatz verklagt und schließlich in zwei Fällen auch dazu verurteilt wurde. Zwar war er anfangs noch in der Lage, die geforderten Summen aufzubringen, doch in der Folge verlor er nicht nur weitere Kunden, sondern er vermochte keine neuen mehr zu gewinnen. Allem Anschein nach hatte sich der Wind wiederum gedreht und fauchte ihm nun boshaft ins Gesicht.
Er verkaufte MERCEDES und Eigentumswohnung, nahm Gelegenheitsarbeiten auf dem Bau an, die er sich ohne Begleitdokumente und bar bezahlen ließ und hielt nach neuen Chancen Ausschau. Außerdem setzte er sich in den Kopf, dass er Felix Niederland finden müsse, den er zur Rede stellen wollte. Nicht einmal vor dem Erlernen von Gitarrengriffen schreckte er zurück, da ihn der grässliche Hintergedanke verfolgte, er werde unter Umständen ganz und gar auf der Straße landen und müsse sich notfalls mit Musik durchschlagen können. Das Instrument, das lange ungenutzt an einer Wand gehangen hatte, war ein Geschenk einer seiner Frauen gewesen, die ihn inzwischen ebenso beharrlich mied wie sie einst darum gebeten hatte, ihn ehelichen zu dürfen.
Schließlich stürzte er vom Baugerüst, brach sich ein Bein und sein Schwarzarbeitgeber leugnete standhaft, von irgendeiner Anstellung Michaels in der illustren Firma zu wissen. Der Unglückliche verzichtete daraufhin völlig auf einen Arzt und begab sich zögernd, aber notgedrungen in die Arme einer heilkundigen Frau, die er durch einen seiner Kunden kennengelernt, aber nach der ersten Begegnung geflissentlich gemieden hatte.
Dana war zweiundvierzig Jahre alt, rothaarig und weise. Von Anfang an hatte sie es abgelehnt, ihr Geld mit Hilfe von Michaels Beratung anzulegen und ihr klares Nein war ihm früher entgegengetreten wie ein Kriegsheer. Doch mehr als einmal hatte sie ihn beiseite genommen und ihm leise versprochen, sie werde ihm helfen, wenn er jemals in Not geriete. Das hatte ihn damals verächtlich lachen lassen, aber nun war diese Frau zu seiner letzten Zuflucht geworden.
Kundig vergipste sie sein Bein. Während der Wochen seiner Genesung durfte er bei ihr wohnen. Wortkarg und liebevoll ging sie mit ihm um und wenn es ihm zu langweilig zu werden drohte, legte sie die Gitarre in seine Hände.
Das führte dazu, dass er immer geschickter mit dem Instrument umging und seine Augen zu leuchten begannen, wenn er darauf spielte. Manchmal kam Dana dazu und sang ein Stück. Nach dem dritten Duett aber, das sie gemeinsam ohne Publikum bestritten, sagte er lachend und erheblich verblüfft:
„Sie ist weg!“ „Was ist weg?“ „Die Glasscheibe“, erklärte Michael. „Ich konnte sie nicht
sehen, aber sie war immer da und hat mich draußen gehalten. Und jetzt, plötzlich, ist sie weg.“
Verständnisvoll nickte Dana und sagte:
„Du bist ein guter Musikant. Du solltest es damit versuchen.“
„Was?“ rief Michael bestürzt aus. „Gitarre spielen? – Du hast sie wohl nicht mehr alle?“
„Deine Augen leuchten, wenn du spielst“, versetzte die Rot- haarige unbeirrt. „Und du sagst selbst, dass die Glasscheibe verschwunden ist. Das kommt vom Musizieren. Du solltest es tun.“
„Damit kann ich kein Geld verdienen!“
„Aber Michael Boncor sein“, widersprach Dana lächelnd. „Ich muss aber Geld verdienen“, beharrte er. „Du musst nur entscheiden, was schöner ist“, sagte sie. „Sonst
fängst du nie an zu leben.“

(Aus: A. H. Buchwald, 1 von 11 - Erzählungen aus dem Hut, AndreBuchVerlag, eBook 2011)


Anmerkung zu "Feinde im Dunkel"

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nanabosho

Was ich vergessen hatte:

Die Erzählung findet sich in

Andreas H. Buchwald, 1 von 11 - Erzählungen aus dem Hut, eBook AndreBuchVerlag 2011.


Feinde im Dunkel

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Feinde im Dunkel


Vielleicht brauche ich nicht zu erklären, dass es einerlei ist, gegen wen oder was einer kämpft. Wahrscheinlich ist es ebenso gleichgültig, mit welchen Mitteln er das tut. Selbst über das Wofür lässt sich streiten. Aber es ist furchtbar, wenn du irgendwann entdeckst, dass alles, was du je getan hast, in die Hose ging, weil du in Wirklichkeit dich selbst auf ’s Korn genommen hast.
Als es bei mir dazu kam, fürchtete ich beinahe, den Sinn meines Lebens verloren zu haben. Aber ich erzähle diese merkwürdige Geschichte lieber von vorn.
Ich war siebzehn oder achtzehn, als ich zu den Autonomen kam. Das Abitur hatte ich recht gut geschafft und Bafög bekam ich auch, damit ich studieren konnte. Meine Eltern wären nicht in der Lage gewesen, mich ihrerseits stärker zu unterstützen, denn mein Vater hatte seine Arbeit verloren, danach keine neue Anstellung mehr gefunden und hing am Tropf des Staates. Und was meine Mutter betrifft, so war sie über Jahre von einer Gelegenheitsbeschäftigung zu nächsten gewechselt und verdiente zuletzt ein kleines Zubrot mit alternativen Massagepraktiken und einer Art Heilkräuterberatung. Selbstverständlich betrieb sie alles, was sie tat, inoffiziell und sozusagen „schwarz“, damit man meinem Vater nicht die Grundsicherung kürzte. Ich glaube, sie wollte tatsächlich Heilpraktikerin werden, hat aber niemals einen handfesten Kurs bezahlen können. Nur meiner Schwester ging es einigermaßen gut, denn sie arbeitete als Altenpflegerin in einer größeren Einrichtung und kam mit dem, was sie dabei verdiente, über die Runden. Allerdings gestand sie mir vor kurzem, dass sie niemals eine Familie gründen wolle, denn sie fürchtete, in hoffnungslose Armut zu stürzen, sobald sie für Kinder sorgen müsste.
Nicht nur uns allein ging es so. Wohin ich sah, hatte sich Frust breitgemacht. Tausende Menschen, die gesund und kräftig waren und sich wahnsinnig gefreut hätten, eine Arbeit zu verrichten, verharrten sozusagen auf dem Abstellgleis und mussten die Almosen annehmen, die der Staat ihnen bot. Oftmals hatten sie bereits die Fünfzig überschritten, fast immer die Vierzig und fanden sich nicht mehr so leicht bereit, eine Stelle im Ausland als Touristenanimateur anzunehmen, dafür fließend Spanisch und Portugiesisch zu lernen, von morgens bis abends Witze zu reißen und die akrobatischsten Tanzfiguren auf ’s Parkett zu legen. Zur Neukundenerschließung für Abzockefirmen wollten sie sich erst recht nicht hergeben. Also blieb ihnen nur, sich vom Fernsehen berieseln zu lassen und zuzuschauen, wie es Menschen ging, denen die Teilnahme am Leben nicht verwehrt war. Ich habe mich immer gewundert, warum ein Staat bereit ist, die Rundfunkgebühren für seine Ausgestoßenen zu übernehmen, weit weniger aber, ihnen zu helfen, wenn sie von sich aus etwas bewegen wollen.
Doch es ist besser, allein über mich sprechen. Für meine Generation sieht es erst recht nicht rosig aus, in ganz Europa nicht. Jeder weiß das und wir brauchen nicht zu diskutieren. Beispielsweise interessiert es keinen, dass ich meinen Diplomingenieur gemacht habe. Stattdessen wollen sie, dass ich möglichst jahrelang ein „Praktikum“ nach dem anderen durchziehe, also meine Zeit für Firmen opfere, die mich ohnehin nicht bezahlen.
Wem kann ich schon anvertrauen, dass ich ein Erfinder bin und in meiner Schublade zu Hause der Plan von einem Motor liegt, der zum größten Teil von Windenergie gespeist wird? Sogar die Leute, die Autos herstellen, lachen mich aus. Sie tun so, als glaubten sie mir nicht, als hätte ich die Sache nicht gut durchgerechnet und so weiter. In Wirklichkeit aber haben sie Angst vor allem Neuen, das ihre Kreise stören würde. Denn dafür muss Altes fallen und wer nur über ein Mindestmaß an Macht verfügt, wird sich auf Gedeih und Verderb dagegen wehren. Die grauen Herren in den Chefetagen und ihre dienstbaren Geister in den Behörden wären vermutlich mehr als beruhigt, wenn ich in irgendeiner Firma meine Zeit absitze und stundenlang Teile zusammenschraube, deren Funktion mir gleichgültig ist. Solange ich sie nicht mit meinen Ideen behellige, ist alles in Ordnung.
Das meiste davon wusste ich bereits um die Zeit, als ich mein Abitur machte. Deshalb gab ich mich auch keinen fruchtlosen Träumen hin. Und mir war klar, dass es in dieser sogenannten Demokratie keine Zukunft für mich gab. Für die meisten, die innerhalb ihrer Grenzen wohnten, gab es keine, doch wem war das schon bewusst? Ich aber sah die Dinge ziemlich klar und ich war beileibe nicht der Einzige.
Die Gesellschaft musste sich grundlegend wandeln, damit so etwas wie eine Zukunft überhaupt wieder möglich wurde. Und da die Strukturen ziemlich festgefügt waren und auf längere Sicht keinerlei Veränderung versprachen, wollten wir sie ein wenig auflockern. Wir, die Autonomen.
Es gab einige von uns, die griffen auf die alten Kamellen zurück: Marx und Lenin und Mao. Jene vielfach umstrittenen und dennoch hochgelobten Herren waren schließlich die Klassiker der „proletarischen Revolution“. Mir kamen solche Sachen jedoch beizeiten kindisch vor, denn „Proletarier“ existierten schon lange nicht mehr. Leider.
Jeder von uns wusste darüber recht gut Bescheid, viele waren eifrige Leser. Aber wir sahen und hörten, was um uns herum vorging und wir machten uns keine Illusionen: Das Geld, die Profit- und Gewinngier beherrschte die Leute. Oder, wie es ein paar Jahrzehnte früher hieß: das Kapital. Es gab keine Solidarität, es gab keine Zuwendung, kein Verständnis, von Liebe ganz zu schweigen! Es gab bloß immer dieses Habenwollen. Und die Stärkeren, die die Schwächeren ausraubten!
Vom Wissen darum war ich angewidert, jeder Gedanke daran versetzte mich in eine unbeschreibliche Wut! Denn in eben diesem Zustand lag auch der Grund, weshalb ich und meine Generation so chancen- und hoffnungslos dahinvegetierten.
Deshalb war ich bereit, gegen dieses Staatssystem zu kämpfen, mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln.
Wir besetzten Häuser und bauten Containerbarrikaden. Zu jedem noch so geringen Anlass demonstrierten wir und sobald die Polizei auftauchte, warfen wir Pflastersteine oder was wir eben zwischen die Finger bekamen. Einige von uns, später auch ich selbst, konnten Molotow-Cocktails herstellen oder Minibomben basteln, deren Wirkung jenen in nichts nachstand. Müllbehälter abzufackeln war eine ziemlich gewöhnliche Aktion, aber tiefe Genugtuung bereitete es uns, wenn wir schwerkalibrige Autos brennen sahen, MERCEDES und BMW vorzugsweise, die Wagen der Reichen. Damit vermochten wir uns zumindest teilweise an denen zu rächen, die persönlich zu greifen uns nicht vergönnt war. Jeder, der es sah, würde verstehen, dass wir den Kapitalismus zerstören wollten.
Die Polizei erwies sich als passabler Feind. Sie stand für das Staatssystem, das uns zur Ohnmacht verdammte. Sie verteidigte es und musste ihrerseits aus diesem Grunde uns bekämpfen. Und so ging es zuweilen hart auf hart und wir sahen uns oft sogar im Vorteil, weil die Beamten Befehlen gehorchten, während wir blind und erbarmungslos zuschlugen und uns nicht um irgendwelche Dienstvorschriften zu kümmern brauchten. So geschah es hin und wieder, dass einer der Uniformierten dabei drauf ging, während ziemlich viele von ihnen eine gewisse Krankenhausreife erreichten.
Die meisten von uns lebten ihren Hass in diesen Kleinkriegen aus. Und wenn du dann einen vor dir hast, von dem du zweifelsfrei weißt, dass er mit seiner Person und allem, was er tut, ein hundertprozentiges Symbol für das ist, woran du dich rächen willst, dann zögerst du nicht. Dann schlägst du zu und wenn er jammert und stöhnt und schreit, schlägst du härter und heftiger, bis er sich nicht mehr regt. Es ist ein Rausch, ein Orgasmus geradezu, und wenn Stille eintritt, bist du zumindest wieder ein wenig entspannt, hast du einen Sieg errungen, wenn auch nur einen geringfügigen. Denn in einem einzigen Polizisten kannst du noch keinen Staat töten und du weißt, dass die nächste Schlacht bevorsteht, sobald eine beendet ist.
In Wahrheit aber verdienten die Uniformierten kaum die Bezeichnung Feinde. Denn sie hassten nicht wie wir. Sie hatten einen Auftrag und einen Befehl und den versuchten sie aus- zuführen. Vielleicht verfügten sie über eine gute Ausrüstung, Schutzschilde und Feuerwaffen und alles Mögliche, aber sie empfanden keine Wut. Damit fehlte ihnen die Kraft, das tiefe Gefühl, mit dem wir auftraten und kämpften. Und deshalb verachteten wir sie auch.
Diejenigen aber, die uns gewachsen waren, trieb ein ähnlicher Frust, eine Verzweiflung, die der unsrigen beinahe glich. Würdige Feinde waren sie deshalb, die Kämpfer auf dem rechten Flügel. Abgesehen von den Dienern des Staates bildeten sie eine großartige Zielscheibe und wir glaubten uns ebenfalls im Recht, indem wir sie zu vernichten trachteten.
Sie benutzten andere Symbole, kleideten sich anders, aber sie teilten unsere Gefühle. Eigentümlicherweise wussten sie sie sogar besser auszudrücken als wir, denn sie ließen ihre gesamte Erscheinung sprechen. Bomberjacken trugen sie und das hohe, metallisch-harte Schuhwerk, das die Leute „Springerstiefel“ nannten. Meistens schoren sie sich ihre Köpfe völlig blank und ließen ihre Glatzen leuchten. Eine oder mehrere Tätowierungen, die an Hals oder Unterarm die sattsam bekannten SS-Runen
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zeigten, taten ein Übriges. Kurz: ihr gesamtes Auftreten verströmte Wut, Hass und Aggression.
Das forderte uns heraus. Wir empfanden uns anders. Denn wir meinten, klüger zu sein, gebildeter, wissender. Von Philosophie verstanden wir etwas, von Politik. Das versetzte uns in die Lage, notfalls zu argumentieren, zu diskutieren, unseren Standpunkt, unsere gerechte Sache nach außen zu vertreten. Deshalb lebten wir unsere Gewalt erst aus, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab, während die Rechten in jeder Sekunde darauf lauerten, einen solchen Augenblick heraufbeschwören zu können.
Unter Umständen waren sie diejenigen, die uns zuvorkamen, diejenigen, die im Wilden Westen zuerst geschossen hätten. Wir vermochten ihnen nur mit List beizukommen und wir meinten, sie seien mit weit weniger Intelligenz gesegnet als die meisten von uns. Überdies verachteten wir sie, weil sie sich an Schwächeren vergriffen und nicht einmal soviel Ehre im Leib hatten, sich ebenbürtige Gegner zu suchen.
Denn abgesehen von der Polizei, die unseren gemeinsamen Feind bildete, richteten sie ihre Wut auf Ausländer, Schwarze oder sogar Juden. Sie beteten uralte rassistische Parolen nach und bliesen zur Hatz auf Minderheiten, die nur in geringer Anzahl vorhanden und auch sonst ausgesprochen wehrlos waren. Juden beispielsweise, die im heutigen Deutschland leben, kann man wahrscheinlich an zehn Fingern abzählen, und die einzigen, die eine gewisse Macht darstellen, sind die eingewanderten Araber und Türken. Unser Verstand war nicht imstande, nachzuvollziehen, weshalb die Rechten gegen diese Bevölkerungsanteile vorgehen wollten, und darin bestand ein Teil des Hasses, den wir unsererseits auf die Bomberjackenträger richteten. Unsere Gewalt und unser Kampf war gerechtfertigt und wir kannten die wahren Menschenfeinde, während die braunen Idioten nur blindlings um sich schlugen. Es gehörte also folgerichtig zu unseren Aufgaben, ihnen Einhalt zu gebieten.
Jahrelang lebte ich so. Während meines Ingenieurstudiums wohnte ich in einer Kommune, die ein altes Haus besetzt hielt. Spätere Absprachen mit den Stadtbehörden führten dazu, dass wir uns bereit erklärten, die Betriebskosten zu entrichten, weshalb man uns einigermaßen in Ruhe ließ.
Eine Zeitlang hatte ich sogar eine Freundin, doch die Liebe besaß für mich damals nur einen geringen Stellenwert, weshalb ich jenes Mädchen auch bald wieder verlor.
Meistens waren es bestimmte Nationalfeiertage, an denen wir gegen die Polizei kämpften. Zusätzlich führten wir einen Guerillakrieg gegen die Nazis, der nur zuweilen in kurze nächtliche Straßenschlachten ausartete. Immerhin verhielten wir uns ebenso erbarmungslos wie sie. Bis heute tauchen in meinem Gedächtnis die Erinnerungen daran auf und bis heute kann ich nicht sagen, warum ich in diesen Kämpfen nur mich selbst wahrgenommen habe, nicht aber einen meiner Gegner. Immer traten wir als Gruppe auf und keiner tat etwas im Alleingang. Wir bildeten eine Bande und sie ebenso. Und meistens waren es drei oder vier Mann, die auf einen Einzelnen einschlugen oder -traten, bei ihnen wie auch bei uns. Wenn dann die Polizei eingriff, erlebten wir einen zusätzlichen Kick, einen neuen Kampfrausch, und wir genossen ihn weidlich.
Es war ein Erster Mai, an dem der Wind sich für mich drehte. An diesem Tag marschierten die Rechten schon um der Tradition willen und es war so gut wie selbstverständlich, dass wir ihnen auflauerten. Während die Polizisten sich beinahe einen abbrachen, indem sie jede Begegnung beider Gruppen zu verhindern suchten.
Das schafften sie nicht immer, vor allem, wenn die Dämmerung einsetzte und wir noch unterwegs waren. Diesmal zählten wir fast hundert Mann und trafen in einer Nebenstraße auf die Bomberjacken, die nur ungefähr sechzig Leute hatten auf die Beine stellen können.
Die Schlacht begann auf der Stelle und wurde durch den Umstand begünstigt, dass wir uns unmittelbar neben den Ruinen einer alten Fabrik befanden, zwischen denen wir uns alsbald tummelten. Unzählig viele Steine und Glasscherben lagen dort umher, außerdem schwere Eisenteile und andere Gegenstände, die sich als Wurfgeschosse eigneten. Für mich war es das reinste Vergnügen, von Deckung zu Deckung zu springen und aus dem Hinterhalt zu agieren, obwohl es bei zunehmender Dunkelheit nicht ganz leicht war, Freund und Feind zu unterscheiden. Doch es dauerte nicht lange, bis die Polizeimannschaften eintrafen und ihrerseits mit Wasserwerfern und Tränengas in unseren Krieg eingriffen.
In dem Chaos, das daraufhin einsetzte, verloren wir wahrscheinlich alle die Orientierung. Zumindest kann ich nicht mehr genau beschreiben, wie es kam, dass ich mich plötzlich in einer Art Kellergewölbe wiederfand und vergeblich nach einem Ausgang suchte. Kurz zuvor waren zwei oder drei der selbstgebastelten Handgranaten explodiert, so dass mir das Mauerwerk um die Ohren flog und eine Druckwelle mich umwarf. Möglicherweise hatte sie mich in dieses Gefängnis befördert, denn nun stand ich da, ertastete nur noch eine halbvolle Schachtel Streichhölzer in meiner Hosentasche und wusste eigentlich überhaupt nicht, was ich tun sollte.
Sobald ich um Hilfe rief, würden die Falschen auf mich aufmerksam werden und ich fiele eventuell in die Hände der Polizei. Doch wenn ich gar nichts tat, musste ich wahrscheinlich mindestens den Rest der Nacht in diesem Loch verbringen. Der Lärm der Auseinandersetzungen draußen drang nur noch sehr gedämpft an mein Ohr und ich gewann den Eindruck, dass er allmählich abebbte.
Es war nicht sonderlich kalt, so dass ich hoffte, es noch eine Weile aushalten zu können. Indes empfand ich meine Situation als einigermaßen gruselig und meine Fantasie gaukelte mir allerhand Schreckensszenarien vor. Angespannt lauschte ich, um beim geringsten undefinierbaren Geräusch aufspringen und mich retten zu können, obwohl ich keine Ahnung hatte, in welche Richtung ich mich in diesem Fall hätte wenden müssen.
Bald aber beruhigte ich mich, denn ich hatte im Licht mehrerer entzündeter Streichhölzer gesehen, dass ich auf blankem Schutt saß und keineswegs etwa inmitten von irgendwelchen Insekten oder Ratten. Trotzdem entdeckte ich auch nirgends einen möglichen Weg nach draußen außer vielleicht einen höhlenähnlichen Gang, zu dem ein paar Stufen führten und der, wie ich nach dem Werfen einiger kleiner Steine feststellte, voll Wasser stand. Ich würde also bis zum Morgen warten müssen in der Hoffnung, dass zumindest einige Lichtstrahlen, die durch irgendwelche Ritzen fielen und mein Gefängnis besser sichtbar machten, mir den besten Ausweg weisen könnten. Die Situation war belämmert, aber nicht ernsthaft bedrohlich.
Plötzlich klang es, als ob eine feste Schuhsohle auf Kies träte, ein Knirschen unmittelbar hinter meinem Rücken. Bevor ich nach einem weiteren Streichholz greifen konnte, traf mich ein schwerer Faustschlag ins Genick.
„Verrecke hier unten, du linke Ratte!“ hörte ich eine wuterfüllte Stimme zischen, während ich mich überrascht nach vorn fallen ließ. Offenbar war ich keineswegs allein und wenn ich Pech hatte, saß ich in einer Falle, von diesen Nazibanditen mit Vorbedacht aufgestellt. Der hinterhältige Hundesohn hatte sich im Licht meiner Streichhölzer an mich herangeschlichen. Jetzt aber konnte er mich für einige Augenblicke überhaupt nicht sehen.
Wahrscheinlich verfügte er seinerseits über keinerlei Hilfsmittel oder Lichtquelle, denn ich hörte, wie er stolperte und fluchte. Er hatte vermutlich versucht zu ertasten, wo ich lag, um mir den Rest zu geben.
Sein heftiger Atem zeigte mir an, dass er höchstens dreißig 70
Zentimeter von mir entfernt gestürzt sein musste. Blindlings stieß ich meine Faust in die Richtung, die mein Gefühl mir wies. Sie traf auf Haut und Knochen und meldete mir, dass ich sein Gesicht erwischt hatte.
Er stieß einen kurzen Schrei aus, während ich mich aufrichtete, zwei Schritte rückwärts trat und wiederum ein Streichholz entzündete. Im Bruchteil einer Sekunde erkannte ich, dass er nur etwa einen Meter von jenem unter Wasser stehenden Gang lag und seinerseits aufzusehen versuchte. Schnell löschte ich die kleine Flamme wieder.
Ich hatte mir die Richtung gut gemerkt, doch als ich meinen zweiten Schlag austeilen wollte, traf dieser ins Leere. Sofort hielt ich meinen Atem an, um den meines Gegners zu vernehmen. Anscheinend aber handelte er ebenso.
Mehrere Sekunden lang herrschte völlige Stille, danach hörte ich, wie er einen Schritt auf dem Schutt vollführte. Leider war ich mir nicht sicher, wie weit er von mir entfernt war und wollte kein weiteres Streichholz entzünden. Außerdem zweifelte ich kaum noch daran, dass wir beide allein in der Finsternis eingesperrt waren.
„Es ist sinnlos“, sagte er plötzlich unerwartet und ich schrak ein wenig zusammen. „Die absolute Idiotie.“
„Was?“ hörte ich mich fragen. „Was willst du damit sagen?“
„Hier unten“, erwiderte er. „Finster wie im Bärenarsch und wir schlagen sinnlos rum. Ich brauch ’ne Pause, würde ich sagen. Oder ich hab die Schnauze voll. Du hast wenigstens Licht.“
Es klang, als ob er sich setzte. Deshalb ließ ich mich ebenfalls auf den Boden nieder.
„Du meinst, ich soll dir heimleuchten, hä?“ Wie sollte ich diesem Nazi-Schwein Vertrauen schenken? „Das könnte dir so passen.“
„Hab ich nicht gesagt“, brummte er. „Eine Drescherei im Finstern ist bescheuert, das habe ich gesagt.“
„Na gut, ich mach nichts“, lenkte ich ein. „Aber dann sitze ich zwei Minuten, bis du dich angeschlichen hast und mir eine rein haust. Da bin ich lieber derjenige, der dich erledigt.“
Er schwieg und ich ebenfalls. Unruhig schwang die Stille im dichten Dunkel.
„Wo bist du eigentlich her?“ hörte ich ihn endlich fragen. Offenbar saß er noch immer auf derselben Stelle.
„Das geht dich nichts an!“ Ich war keineswegs in der Stimmung, mit ihm Frieden zu schließen.
„Ich bin abgehauen zu Hause“, sagte er unvermittelt. „Hab’s nicht mehr ausgehalten. Bei den Nazis geht’s mir besser.“
Darauf wusste ich keine Antwort. Vielleicht wollte er mich nur in Sicherheit wiegen. Ich beschloss, wachsam zu sein und ihn reden zu lassen, denn so vermochte ich ihn auf jeden Fall im Dunkeln zu orten.
„Übrigens heiße ich Mike“, begann er wieder. „Ein Scheißname ist das. Warum haben sie mich nicht Michael genannt? Das wäre wenigstens ,cool‘ gewesen und anständig deutsch.“
„Michael ist hebräisch“, wandte ich triumphierend ein. Es verschaffte mir Genugtuung, wenn ich mir vorstellte, wie dieser Nazi sich ärgern würde, in Wahrheit einen jüdischen Namen zu tragen. Und ganz nebenbei demonstrierte ich damit meine Bildung.
„Wie heißt denn du?“ erkundigte sich Mike hingegen, ohne die unerwünschte Information zu kommentieren.
„Benno“, antwortete ich wahrheitsgemäß. „Wie Benno Ohnesorg, den Studenten, den die Polizei umgelegt hat.“
„Schätze, so einen Typen kenne ich nicht, tut mir leid“, versetzte mein Gegner aus dem Dunkel, der mir von Minute zu Minute weniger feindlich vorkam. „Wann soll denn das gewesen sein?“
„Lange vor meiner Zeit“, gab ich zu. „Siebenundsechzig. Ich bin aber erst Sechsundachtzig geboren.“
„Da bist du immerhin älter als ich“, verglich er. „Vier Jahre. Hast du’s da noch nötig, dich mit diesen linken Socken rumzutreiben?“
Wollte er erneut provozieren?
„Nötig?“ erwiderte ich vorwurfsvoll. „Das ist eine gerechte Sache, das tue ich aus Überzeugung.“
„Wir halten zusammen“, behauptete er da. „Das ist die Hauptsache. Die Deutschen müssen zusammenhalten und das tun sie nicht mehr. Sie verschachern ihr Land an die Ausländer. Die eigenen Leute haben keine Chance und dieses verdammte Gesocks kriegt bloß Zucker in den Arsch geblasen.“
Irgendetwas hinderte mich daran, an dieser Stelle eine ideologische Diskussion vom Zaun zu brechen. Stattdessen fragte ich ihn, was er denn meinte mit den Chancen, die ein Deutscher nicht kriegt. Vielleicht war es sogar das Einzige, was mich wirk- lich interessierte.
„Ich hab’ eine Lehre gemacht“, erwiderte er leise. „Gartenbau. Und ich finde nichts, bin arbeitslos. Zuletzt habe ich mich in einem Großbetrieb beworben, die suchten welche, die ein paar Wochen lang Bäume pflanzen sollten. Sogar das war eine Fehlanzeige, die haben drei Polen und zwei Rumänen genommen, die nicht mal anständig Deutsch konnten.“
„Die brauchen denen nicht so viel zahlen, so einfach ist das“, klärte ich ihn grimmig auf. „Unausgebildete Kräfte wollen die.“
„Ist mir scheißegal, was die wollen“, zischte er, wobei ich seine Wut buchstäblich durch die Finsternis zu mir herüberkriechen fühlte. „Ich bin Deutscher und lebe in meinem Land! Mich macht es fertig, dass Polacken und Zigeuner mir wegnehmen können, was mir zusteht! Eine anständige Arbeit steht mir zu, eine, bei der ich ordentlich verdiene, das kann ich von meinem Land verlangen! Aber eben nicht bei dieser Idiotenregierung!“
„Was macht denn dein Vater?“ wollte ich wissen. „Der ist Arzt, der hat’s ziemlich dicke“, berichtete Mike. „Er wollte mir sogar ein Studium bezahlen, aber ich hatte kein Lust zum Studieren. Garten, das ist meine Welt, davon hab’ ich geträumt. Aber entweder du schuftest für irgendeine Gemüsebude zum Nulltarif oder wenig drüber oder suchst dir was anderes, was dir am Arsch vorbei geht. Sowas kotzt mich an, sag’ ich dir! Und wenn sich mein Alter dann noch hinstellt und mich ... Ich bin jedenfalls abgehauen.“
„Lebst du von irgendwas?“ Meine Neugier wuchs.
„Meine Mutter steht zu mir, die steckt mir immer mal was zu, wovon der Alte nichts wissen darf. Wenn der erfährt, dass ich bei den Nazis bin, hetzt er selber die Bullen auf mich, schätze ich. Ich wohne mit zwei Anderen in einem Hinterhofhaus, wir haben die Miete noch allemal ermeckert. Ab und zu habe ich mal was für einen Friedhof gemacht, schwarz. Aber das ist kein Zustand, ich will als anständiger Bürger in diesem Land leben, verstehst du das?“
Es klang, als stoße er mit seiner Faust in einen Haufen Schutt.
„Dieses Land ist nur für die Reichen da“, dozierte ich finster. „Und auch bloß das Geld zählt. Wenn du kein’s hast, bist du draußen, und wenn du nicht weißt, wie du welches verdienen kannst, fragen sie trotzdem nicht danach. Das Lumpenpack da oben hat sich seine Paläste eingerichtet und das, was wir davon abkriegen, ist das, was sie schon wieder ausgekotzt haben. Ich fackle so lange Autos und Container ab, bis alles zu Bruch geht! Denen ihre ,Demokratie‘ oder wie sie das nennen, das ist die größte Scheiße, die die Weltgeschichte je erlebt hat!“
Auch in mir kochte es nun. Was aber in den folgenden Stunden geschah, vermag ich bis heute nicht zu verstehen.
Wir hörten nur unsere Stimmen und sprachen endlos lange miteinander. Dabei blieben wir auf ein und derselben Stelle sitzen. All unsere Wut, unseren Frust und die wahnsinnige Ohnmacht, die wir empfanden, stießen wir in die Finsternis. Wenn wir nicht in dieser undurchdringlichen Dunkelheit gesessen hätten, wären wir einander unweigerlich an die Gurgel gesprungen. Einem Menschen, der sich zu meinen erklärten Feinden zählte und dem ich mit meinen eigenen Augen hätte ins Gesicht sehen müssen, hätte ich niemals die Tiefen meiner Seele offenbart.
Dennoch habe ich genau das getan und jener Mike hat mir geantwortet, als sei er ein unsichtbarer Spiegel.
Als am Morgen die ersten Sonnenstrahlen die Welt draußen erhellten, machten sie einen schmalen Schacht sichtbar, der am Ende des Ganges lag, hinter dem wir saßen und redeten. Das Licht, das bis zu uns vordrang, genügte, um uns zu beweisen, dass wir nur eine ungefähr zehn Meter lange Strecke, die von knöcheltiefem Wasser bedeckt war, überwinden mussten, um ins Freie zu gelangen.
Danach standen wir draußen, übermüdet, hungrig und fröstelnd. Ohne zu wissen, warum, verabschiedeten wir uns so herzlich, wie ich es niemals für möglich gehalten hätte: Wir umarmten einander, lange und fest. Aber wir tauschten keinerlei Versprechen und ich sah Mike auch niemals wieder.
Es war immer noch dieselbe Welt, in der ich lebte, dasselbe Deutschland, von kaltschnäuzigem, geldgierigem Kapitalismus beherrscht und soziale Wärme heuchelnd. Niemand ermutigte mich, das zu tun, was ich am liebsten tun wollte, niemand kam und zeigte Interesse an meinem Erfindergeist. Ich wusste nicht, aus welchen Quellen ich neue Hoffnung schöpfen sollte. Die Sache, für die ich bislang gekämpft hatte, hielt ich deshalb weiterhin für gerecht und gut und ich diskutierte auch nicht über Gewalt, denn der Zweck heiligte die Mittel.
Selbst aber konnte ich nicht mehr gegen meine Feinde zu Felde ziehen, weder gegen die Rechten noch die Polizei. Denn ich wusste nun, dass sie nicht meine Feinde waren.


Der Einsiedler im Urwald

Erstellt von: nanabosho in Community Blog

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Der Einsiedler im Urwald


Alles, was in mir zerrissen war, sollte der Weg wieder zusammenflicken. Das hoffte ich und deshalb bin ich ihn gegangen. Vielleicht hat er es auch tatsächlich getan. Ich kann mir vieles nicht logisch erklären, aber was im Einzelnen geschehen ist, erzähle ich gern.
Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt in der Nähe von Berlin. Wo genau, tut nichts zur Sache, denn mir fiel später auf, dass Kleinstädte, vor allem diese Kleinstädte, sich alle ähnelten. Die Leute, die da wohnten, hatten samt und sonders den gleichen Blick. Mehr kann ich dazu nicht sagen; wer mir das nicht glaubt, der sollte mal hinfahren und sich das ansehen, denn es ist heute noch so.
Spätestens als ich zwanzig war, wollte ich raus. Nach dem Westen. Schließlich umgab uns nichts als die graue Gernegroßrepublik und vor allem wir Jüngeren durchschauten das Getue und die Tricks der Bonzen nur zu leicht. Wahrscheinlich deshalb, weil wir die Ängste unserer Eltern nicht teilten und durch die Nähe der Hauptstadt das Fernsehen der bunten Seite recht gut empfangen konnten. Kein Wunder, dass wir uns einbildeten, drüben sei alles besser.
Als ich es schaffte, war ich siebenundzwanzig Jahre alt. Wir hatten mehrere Verwandte in Göttingen und Hannover und Mitte der achtziger Jahre lockerten sich die Bestimmungen wegen gegenseitiger Besuche. Auch mir gelang es, einen der teilweise noch berühmten blauen Pässe zu ergattern, und schon während meiner ersten Westreise vergaß ich die Rückkehr nach Hause. Natürlich haben meine Eltern und mein Bruder Ärger gekriegt, aber ich hoffte einfach, dass sie sich früher oder später damit abfinden und mir meinen Freiheitsdrang verzeihen würden. Denn wenn man erst einmal auf der anderen Seite steht, kann man unschwer erkennen, welches System stärker ist und zum Sieg vorherbestimmt. Darauf setzte ich und vom Sommer Sechsundachtzig bis zum Herbst Neunundachtzig waren es schließlich nur noch drei Jahre.
Ich hatte Schlosser gelernt oder besser ausgedrückt, in einer Autowerkstatt gearbeitet. Mit meinem Facharbeiterbrief bekam ich außerordentlich schnell eine Anstellung und zwar gleich bei VW in Wolfsburg. Ich verdiente erstklassig und da ich darin die Voraussetzung zur Verwirklichung meiner Träume sah, interessierte mich alles Andere wenig. Ein paar Monate später verliebte ich mich und ein weiteres Jahr danach war ich stolzer Vater eines Mädchens.
Irgendwo auf dem Land, nicht einmal zwanzig Kilometer von meiner Arbeitsstelle entfernt, entstand unser Einfamilienhaus. Da kaum ein Hindernis den Bau bremste, zogen wir Anfang der neunziger Jahre ein. Rita, meine Frau, wurde wiederum schwanger und ich freute mich, als sich herausstellte, dass es diesmal ein Junge war.
Dabei beließen wir es. Die Kinder entwickelten sich gut. Mit ihnen gemeinsam unternahmen wir Urlaubsreisen nach Österreich, Italien und Spanien, einmal sogar nach Ägypten. Rita hatte Krankenschwester gelernt und fand, sobald es möglich war, einen neuen Arbeitsplatz nach ihrer mehrjährigen Auszeit. Mit einigen Familien in der Siedlung standen wir auf äußerst freundschaftlichem Fuß und da es in diesem Umfeld zum guten Ton gehörte, ging ich auch immer mal wieder in die Kirche, obwohl ich eigentlich Atheist war. Mit einem Wort: Meine Welt war ringsumher in Ordnung, der Himmel hing voller Geigen und mein Leben im westlichen Deutschland hatte sich genau zu dem gestaltet, was meiner Vorstellung entsprach. Und die war noch in den östlich grauen Jahren entstanden, auf der anderen Seite des Zauns.
Erstaunlich schnell erreichten die Kinder ein Alter, in dem sie weitere gemeinsame Urlaube mit uns ablehnten. Da kam zum ersten Mal das merkwürdige Gefühl auf, unserem Miteinander sei der Text ausgegangen. Wir wussten nicht mehr sonderlich viel mit uns anzufangen. Deshalb taten wir uns mit zwei anderen Paaren aus der Siedlung zusammen, denen es ähnlich ging. Wir unternahmen gemeinsame Reisen, fuhren ins Kino oder ins Theater, feierten Grillfeste und versuchten, die dennoch aufkommende Langeweile mit Partnertauschträumen zu vertreiben. Ich nenne das „Tauschträume“, weil es eine ganze Weile nur beim Träumen geblieben war. Es ist nicht ganz so leicht, plötzlich Grenzen zu überschreiten, die man jahrelang eingehalten hatte. Und oft sind Spiele mit Gedanken und Fantasien kribbelnder und spannender als deren Verwirklichung.
Um uns dennoch auf die konkrete Erfahrung zuzubewegen, planten wir eine gemeinsame Urlaubsreise an einen ungewöhnlichen Ort, weitab von den allgemein üblichen Schnittmustern von Hotel und Strand und all inclusive.
Irgendjemand hatte uns einen Tipp gegeben und so besuchten wir eine Auswandererkolonie in Bolivien. Wir hatten dort ein Häuschen für uns, konnten tun, was uns Spaß machte, aber uns auch jederzeit unter die Einheimischen mischen, da sie Landsleute waren. Es hieß, viele von ihnen suchten gerade in Südamerika nach einer neuen Art zu leben und hätten Deutsc land aus keinem anderen Grund verlassen.
Vom Flughafen des unglaublich hoch gelegenen La Paz aus erreichten wir die besagte Kolonie nach einer Tagesreise mit zwei Mietwagen und wir staunten nicht schlecht: Die meisten Häuser und Straßen sahen so aus wie die in unserer Siedlung bei Wolfsburg! Rita und die anderen lachten und machten Witze darüber; ich selbst aber war wahnsinnig enttäuscht.
Schnell stellten wir fest, dass die Ausgewanderten so ähnlich lebten wie in dem Land, das sie verlassen hatten. In mir stürzte ein Traumschloss zusammen. Ich vergaß, weshalb wir diese Fahrt unternommen hatten und als ich es nicht mehr aushielt, fragte ich einen der Kolonisten, warum er seiner Heimat den Rücken gekehrt hatte, wenn er sich in Südamerika doch kaum anders benehme als zu Hause.
„Das fehlte noch, dass wir Blechhütten bauen wie die Halbindianer in den Slums von La Paz!“ erwiderte er beinahe ärgerlich. „Natürlich leben wir wie zu Hause mit dem Unterschied, dass wir eben jetzt hier zu Hause sind. Wir brauchen kaum Steuern zu zahlen, das ist schon mal ein Riesenvorteil. Hier kann man ein paar kleinere Unternehmen aufziehen ohne gleich vom Finanzamt erstickt zu werden. Das Geld ist der Hauptgrund, das sage ich dir. Aber wir helfen einander auch mehr als es in Deutschland der Fall gewesen wäre. Ist ganz normal, weil wir ja alle etwas aufbauen wollen. In Europa kriegst du alles fertig und vorgekaut, aber hier fängst du von vorne an. Es ist allerdings von Vorteil, wenn du ein paar Euro hast, die gelten hier mindestens das Vierfache verglichen mit der Gegend, in der man sie erfunden hat. “
Er war sichtlich stolz auf seine Arbeit und zeigte mir sein gesamtes Anwesen. Trotzdem nagte die Enttäuschung weiter an mir, denn überall sah es aus wie in Niedersachsen.
„Machen das eigentlich alle Auswanderer so?“ wollte ich wissen, bevor ich ging. „Oder gibt’s auch Ausnahmen?“
„Ausnahmen, was denn für Ausnahmen?“ Der Mann schüt- telte den Kopf. „Niemand ist gerne allein und deswegen haben wir uns zusammengeschlossen und dieses Dorf gebildet. Vor kurzem ist hier ein Verrückter aufgetaucht, den hätte man schon als Ausnahme bezeichnen können. Aber das war ein Vollidiot, ein Fantast! Es hatte keinen Zweck mit ihm zu reden. Eine Menge Blödsinn hatte der im Kopf, hat rumgesponnen von neuem Zeitalter und so. Er ist auch nicht bei uns geblieben, sondern hat seine Hütte ein paar Kilometer entfernt gebaut. Keine Ahnung, ob er zurecht kommt, wir kümmern uns nicht um ihn. Schätze, er baut Cannabis an und hat sich wahrscheinlich schon Aids geholt bei den Indiohuren.“
„Kann man zu diesem Menschen hinfahren?“
„Die Straße in östlicher Richtung wird immer schmaler und ich kann mich nicht verbürgen, dass sie überhaupt noch auf fünf Kilometer benutzbar ist“, beschrieb der Mann. „Dort gibt es keine Stadt mehr und nichts und deshalb fährt nur selten jemand da lang. Aber du kannst es ja versuchen, wenn du scharf drauf bist, einen Verrückten kennenzulernen. Ich meine, ihr seid schließlich auf Informationsurlaub hier und solltet die Sehenswürdigkeiten in der Gegend ruhig mal abklappern.“
Ich ging zurück zu meinen Freunden und berichtete von dem, was ich erfahren hatte, musste jedoch feststellen, dass es niemanden interessierte. Nicht einmal Rita, der ich an jenem Tag noch nicht anmerkte, dass sie bereits mit Gerhard turtelte, der zu Hause nicht nur mein Nachbar, sondern auch mein Arbeitskollege war.
Die Sache mit jenem „Verrückten“ ließ mich nicht los und so behauptete ich am nächsten Morgen, unbedingt ein paar Besorgungen machen zu müssen, schnappte mir einen der gemieteten Jeeps und fuhr los. Ich fand die beschriebene Straße, die sich bald in einen Schotterpfad und noch später in einen außerordentlich schmalen, von üppigem Grün fast zugewachsenen Urwaldweg verwandelte.
Der Jeep war ein robustes Fahrzeug, so dass ich den Eindruck hatte, dennoch einigermaßen vorwärtszukommen. Ich merkte kaum, dass ich unversehens eine Art Einfahrt passierte, die wie ein aus Lianen geflochtenes Tor aussah.
Eine buntbemalte, windschiefe Holzhütte, die wie aus dem Nichts vor mir auftauchte, gebot indessen Halt. Ich sprang aus dem Auto und befand mich mitten im Urwald. Bei näherem Hinsehen jedoch erkannte ich die Spuren menschlicher Eingriffe.
Vor dem notdürftig errichteten Gebäude befand sich ein kleines Rondell aus Steinplatten, die sich durch die aus den Zwischenräumen emporstrebenden Pflanzen beträchtlich verschoben hatten. Ich schätzte, dass mir diese Fläche genügend Raum zum Wenden bot und nahm die Hütte in Augenschein.
Vor der Türöffnung hing eine schwere graugrüne Stoffbahn. Ich schlug sie kurzerhand zurück und machte mich gleichzeitig durch Rufe in deutscher Sprache bemerkbar. In dem Halbdunkel, das mich im Inneren umgab, erkannte ich vorerst nur eine Hängematte, aus der sich eine lange, dürre Gestalt erhob.
„Besuch aus Deutschland?“ gurgelte eine kratzige Stimme. „Das ist selten, aber nicht außergewöhnlich.“
„Ich heiße Tristan“, stellte ich mich vor. „Man hat mir empfohlen, hier mal herzukommen.“
„Empfohlen, oho!“
Der Mann, der in der Hängematte gelegen hatte, stand nun aufrecht vor mir. Er war vollkommen nackt, bärtig und mindestens einen Kopf größer als ich. Eine gewaltige Haarmähne bedeckte seine Schultern und ein für mich undefinierbarer, aber nicht unangenehmer Geruch ging von ihm aus und seine Stimme gewann an Kraft. „Wer bringt es denn fertig, mich zu empfehlen?“
Kurz berichtete ich von der Begegnung, die mich darauf gebracht hatte, diesen Ausflug zu unternehmen, der mir nun peinlich war.
Er lachte.
„Schon gut“, sagte er und winkte ab. „Ich bin Garcilaso. Früher habe ich mal Reinhard geheißen, aber seit ich weiß, dass ich eine Inkarnation von Garcilaso de la Vega bin, lebe ich hier und nenne mich so. Eigentlich müsste ich weiter nördlich wohnen oder am Titicacasee, aber mir hat es hier gefallen. Mir war es nur wichtig auszusteigen und das ist mir gelungen.“
Er bot mir frisches Quellwasser an, das ich aus einer Schale trank, von der ich nicht wusste, woraus sie gemacht war. Überhaupt fand ich in dem Sammelsurium von Gegenständen, die ihn umgaben, ziemlich vieles, das ich nirgendwo einordnen konnte. Da sich meine Augen aber inzwischen an das Halbdunkel des Raumes gewöhnt hatten, entdeckte ich auch einige Kleidungsstücke und sogar ein Bord mit Büchern. Wir sagten von Anfang an Du zueinander und während des Gespräches mit ihm erschien es mir, als sei unser Zusammentreffen das Normalste der Welt und als hätten wir uns schon seit undenklichen Zeiten gekannt.
Ich erzählte ihm von meinem Leben und dass ich mich darin langweilte, aber nicht wüsste, wie ich diesen Zustand aufheben könnte. Und so geschah es, dass er mir nicht nur seine gesamte kleine Farm – denn das war sie tatsächlich – zeigte, sondern von Dingen zu mir sprach, die ich noch nie zuvor gehört hatte.
„Garcilaso de la Vega war einst Statthalter von Cuzco, als die Spanier schon Perú unterworfen hatten“, erläuterte er. „Seine Mutter war immerhin die Enkelin des großen Inka Tupac Yu- panquí und so wusste er noch sehr, sehr viel von den wahren Dingen, bevor die falschen vollständig die Oberhand bekamen.“
„Was sind ,die falschen Dinge‘?“ fragte ich.
„Das Reich Tahuantinsuyu, in dem die Inka regierten, war ein Unterdrückungssystem, aber dennoch lebten viele darin noch im Einklang mit Pachamama, der Großen Mutter.“
Garcilaso oder Reinhard, wie auch immer, sprach ruhig und gelassen und seine Worte hatten keinen salbungsvollen Beiklang. Deshalb zwangen sie mich unbedingt dazu, ihm zu glauben.
1„Mit Pizarro und den Spaniern begannen die falschen Dinge“, fuhr er fort und zündete sich ein zigarettenähnliches Etwas an, in dem ich eine Cannabisfüllung vermutete. „Es sind die, mit denen man die Menschen bei ihrer Angst packt, mit denen man sie in die Irre führen kann. Die scheinbaren, nicht wirklichen. Es war eine grausame Zeit, aber damals war es noch nicht möglich, die ganze Welt zu unterwerfen. Das funktioniert erst heute.“
„Erst heute?“
„Die Spanier kamen aus Goldgier. Vielleicht war auch ein Funken Entdeckerlust dabei, die wir vor allem bei Columbus einmal annehmen wollen. Aber spätestens als in Nordamerika die Vereinigten Staaten gegründet worden waren und die Briten ihr Riesenkolonialreich eroberten, waren genügend Weltherrschaftsträume entstanden. Und die sind heute so gut wie verwirklicht, nur eben nicht so offen brutal, sondern subtiler. So haben die Amerikaner heimlich, still und leise alles unter ihre Knute gekriegt. Die Leute tanzen mit Freuden nach deren Pfeife und merken es nicht einmal. Jeder Krieg und jede Wirtschaftskrise wird von irgendwelchen Hinterbänklern inszeniert, von denen die meisten in New York oder London, Moskau oder Peking sitzen, vielleicht sogar in Berlin. Die haben das Geld, die Zeitungen, Radio und Fernsehen im Griff und das genügt schon fast. Denn die Leute glauben alles, was die bunten Bilder zeigen und leben so, wie ihnen das vorgeschrieben wird. Und dass es ihnen vorgeschrieben wird, merken sie nicht, weil sie nicht bloß gut zu essen und zu trinken haben, sondern darüberhinaus noch gut unterhalten werden. Nicht bloß mit irgendwelchen Späßen, was ja noch harmlos wäre, sondern vor allem mit Angst.“
„Mit Angst?“ Fiebernd hing ich an seinen Lippen.
„Wer Angst hat, findet nicht raus, wer er selber ist, entdeckt seine Kraft nicht, seine Möglichkeiten, sondern er hat eben bloß Angst. Wenn die Zeitungen schreiben: In dem und dem Land ist Krieg, der könnte auch auf unseres oder ein Nachbarland übergreifen, dann macht das schon ein bisschen Angst. Wenn sie schreiben, das Geld ist bald nichts mehr wert, macht das vielen noch mehr Angst. Und wenn sie schreiben, eine neue Krankheitswelle rollt unberechenbar über drei Kontinente, so dass keiner ausweichen kann, macht das fast allen ordentlich Angst. Mit dieser Angst hält man die Leute nicht bloß gut in Schach, sondern man kann ihnen eine Unmenge Sachen verkaufen, die sie nicht brauchen: Pillen und Tabletten in Hülle und Fülle, Impfstoff satt und tausend Zeitschriften mit neuen Angst-In- formationen. Wenn sie im Fernsehen sagen: Die Muslime sind böse, die haben das und das getan, oder die Juden sind böse oder die Zigeuner oder die Schwarzen oder die Schwulen oder die Brillenträger oder die Mundharmonikaspieler, dann glauben das die Leute und sie beginnen die Muslime zu hassen, die Juden, die Zigeuner, die Schwarzen, die Schwulen, die Brillenträger und die Mundharmonikaspieler, das ist eine wahnsinnig sichere Methode. Die Spanier mussten ihr Kolonialreich mit halbrostigen Waffen erobern, das hat viel Kraft gekostet. Die Drahtzieher in Amerika, China, Russland oder sonstwo benutzen das Fernsehen und die Zeitungen; das kostet weit weniger Kraft und man erreicht viel mehr. – Weißt du, warum dein Leben langweilig wird, warum du kaum noch was fühlst und nicht weißt, was du mit dem Rest deiner Jahre tun sollst? Weil sie dich haben! Du hast dich nicht selber, du spürst dich nicht selber, du kannst nicht zu dir kommen und deinen Weg finden, weil sie dich haben. Wenn du dich krank fühlst, gehst du zum Arzt und bildest dir ein, dieser Fremde, der nicht in dir drin steckt, weiß besser als du selber, was für dich gut ist. Wenn deine Seele am Ende ist, rennst du zum Psychologen oder zum Pfarrer, weil du keinen wahren Freund hast, der sie erkennt. Und wenn du Angst hast, eine Entscheidung zu treffen, wählst du jemanden, der die Entscheidungen treffen soll, am besten für ein ganzes Volk. Was glaubst du wohl, warum ich hier bin, allein und so gut wie im Urwald?“
„Du bist ein alter Hippie“, antwortete ich. „Das sagen jedenfalls die Leute.“
„Und du bist einer, der glaubt, was die Leute sagen“, versetzte mein Gegenüber seelenruhig. „Damit musst du zurechtkommen.“
„Was könnte ich tun, um auszusteigen?“ Garcilaso lachte. „Finde erst mal raus, in welchem Zug du sitzt“, erwiderte er.
„Wenn du Glück hast, hält er an einigen Stationen. Manchmal ist so gut wie jede passend, manchmal nur eine.“
Ich wollte wissen, ob er sich nicht zuweilen einsam fühlte.
„Wieso denn?“ Auch diese Frage belustigte ihn. „Zwei Stunden Fußmarsch sind es von hier aus zum nächsten Indiodorf. Dort bin ich ziemlich oft, weil meine zwei Frauen da wohnen. Ich gehe nicht gern zu meinen Landsleuten, da fühle ich mich nicht wohl. Manchmal kommt einer her, so wie du, so dass ich nicht mal Gefahr laufe, meine Muttersprache zu vergessen.“
„Aber hier bist du doch von der Menschheit abgeschnitten, nimmst gar nicht mehr am Leben teil?“ So vernünftig wie er mir einesteils vorkam, so merkwürdig erschien mir dennoch sein Einsiedlerdasein.
„Am Leben teilnehmen?“ brauste er da auf. „Was willst du mir denn weismachen, was Leben angeblich sein soll?! Zeitung lesen, Fernsehen und Champagnerfeste feiern, auf denen jeder jedem die Hucke voll lügt? Die Tochter vom Chef durchzuvögeln, um Karriere zu machen? Und wozu ist Karriere gut? Um mit einem Schlips den Hals stundenlang zuzuschnüren, noch mehr Leute über den Tisch zu ziehen als früher, für Magenprobleme oder einen Herzinfarkt? Nein, danke, mein Guter, das ist Totentanz, aber kein Leben.“
Wir besprachen noch alles Mögliche, aber ich habe das meiste davon vergessen. Als ich zurückfuhr, spürte ich bereits den Wunsch, den Einsiedler im Busch noch einmal wiederzusehen.
Ich berichtete meinen Freunden davon und erntete nur verächtliches Gelächter und zahlreiche Warnungen, nicht selbst dem Irrsinn zu verfallen, dem diese angebliche Reinkarnation eines Cuzcoer Statthalters erlegen war. Vielleicht hätte ich nicht erwähnen dürfen, dass Garcilaso oder Reinhard mir nackt gegenüber getreten war und irgendein halluzinogenes Kraut geraucht hatte. Das machte ihn unglaubwürdig und nur ich allein war so dumm und nahm mir das idiotische Geschwafel eines Drogensüchtigen zu Herzen.
Bald merkte ich, dass ich nicht mehr zu meinen Leuten gehörte. Es war, als stünde ich neben ihnen. Wie durch einen Schleier beobachtete ich, wie Rita sich in Gerhards Armen wand und fühlte nur Gleichgültigkeit. Ich sah, wie meine bisherigen Freunde lachten und Spaß hatten und saß daneben wie Falschgeld.
Der Mann im Urwald hatte mich infiziert, so dass ich plötzlich an einer Krankheit litt, die mich zum Aussätzigen machte. Nie hätte ich leben wollen wie er, aber zu dem zurückkehren, was bisher mein Leben ausgemacht hatte, konnte ich ebensowenig.
Am Tag vor unserer Abreise fuhr ich noch einmal zu ihm, um mich zu verabschieden.
„Du hast mich tief beeindruckt“, erklärte ich feierlich. „Aber ich bin nicht du. Neunzehnhundertachtundsechzig ist längst vorüber und Woodstock fast vergessen. Es hat keinen Zweck, sich beleidigt in den Dschungel zurückzuziehen.“
„Ach“, erwiderte er und zwinkerte mir schelmisch zu. „Wer ist hier beleidigt, ich oder du?“
„Du hast recht“, versetzte ich kleinlaut. „Ich kann nur eben bloß nicht vergessen, was du gesagt hast und wie du lebst. Aber aussteigen, so wie du, das kann ich auch nicht. Verstehst du das?“
„Ein bisschen.“ Er lächelte gelassen und wartete offensichtlich, ob ich noch etwas sagen würde.
„Mag sein, dass meine Frau mich verlässt“, sagte ich. „Das kann ich verkraften. Aber ich habe nicht gelernt, wie man sich ohne Geld durchschlägt. Denn ich müsste meine Arbeit kündigen, obwohl ich unwahrscheinlich gut verdiene. Es wäre eine Sünde, verstehst du? – Trotzdem: Angenommen, ich käme hierher, wie sollte es da gehen? Du verstehst was davon, wie man bestimmte Pflanzen anbaut, ich habe nicht die geringste Ahnung. Was ist, wenn ich irgendeine unbekannte landestypische Krankheit kriege, muss ich da zu einem Schamanen gehen, von diesen Aymará oder wie sie heißen? Du magst das glauben, aber ich habe die Indios gesehen auf dem Markt von La Paz. Wie selten die sich waschen und so. Eine Frau ist mir aufgefallen, die direkt unter sich gepisst hat, als sie an der Bushaltestelle stand. Wahrscheinlich tragen die ja keine Schlüpfer. Wie sollte ich zu einem eingeborenen Arzt gehen, der sich nicht sauber hält? Dir macht das nichts aus, aber mir. Hygiene ist unumgänglich für die Gesundheit. Und die deutschen Ärzte hier nehmen auch Geld wie bei uns zu Hause. Was ist, wenn ich alt werde und nicht mehr alles selber machen kann? Mir würden noch tausend andere Sachen einfallen, weshalb es nicht geht, verstehst du? – So sehr mir imponiert hat, wie du hier lebst und so sehr ich es selber wollte: ich kann es nicht.“
„Ich kann mich auch nicht erinnern, von dir so etwas verlangt zu haben“, bemerkte Garcilaso seelenruhig. „Wahrscheinlich verlangst du es selber von dir.“
„Vielleicht“, gab ich zu. „Mir kam es eben so vor, als ob du lebendiger bist als ich, obwohl du bloß ein Einsiedler im Urwald bist. Und ich wollte selber gerne mehr Leben haben. Oder ein anderes, was weiß ich.“
Er betrachtete mich eine Weile und wir schwiegen. „Glaubst du irgendwas?“ fragte er mich unvermittelt.
„Weiß nicht genau“, erwiderte ich. „Ab und zu gehe ich in die Kirche, aber das machen eben alle. Dort, wo ich wohne.“
„Die Kirche hat eine Menge versaut“, murmelte er. „Aber selbst da könntest du was finden.“
„Wie meinst du das?“
„Na, ich schätze, der Mann, den alle anbeten sollen, hatte tatsächlich was zu sagen. Der war einer von den ganz großen Aussteigern. Deshalb kneifen sie immer, wenn man sie drauf aufmerksam macht, was er wirklich wollte.“
„Jesus?“
„Jesus, ja. Weißt du, was er gesagt hat? Wer sein Leben behalten will, der wird’s verlieren. Und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. Reicht doch, meine ich.“
„Und was heißt das?“
Ein Schatten überzog sein Gesicht und ich hatte den Eindruck, dass er nur noch mit Widerwillen antwortete. „Finde es selber raus. Sonst kommst du hinterher und behauptest, ich wäre es gewesen, der dich hinter’s Licht geführt hat.“
„Aber ich will ... Ich weiß nicht, was soll ich denn ...?“
„Schluss damit!“ rief er plötzlich so laut, so dass ich zusammenzuckte. „Wer dauernd fragt, will keine Antwort! Ich bin nicht dein Guru oder dein Pastor oder sonst was, schon gar nicht deine Frau! Wenn du’s wirklich wissen willst, findest du’s selber raus!“
Bis heute kann ich mir nicht zusammenreimen, warum er auf einmal so grantig wurde. Vielleicht hatte er das Gefühl gehabt, ich fiele ihm auf den Wecker, aber er saß doch sowieso nur in der Hütte herum und beschäftigte sich mit seinen Pflanzen.
Als ich nämlich immer noch nicht begreifen wollte und beharrlich zu fragen fortfuhr, griff er nach irgendeiner Kiste und bewarf mich damit. Am Ende verließ ich fluchtartig sein Anwesen.
„Wenn du willst, findest du’s raus!“ rief er mir nach, das vernahm ich allemal noch deutlich. „Aber komm nie mehr her! Nie, nie mehr!“
Meine Freunde lachten mich wiederum aus und fragten stichelnd, ob ich endlich gelernt hätte, Cannabis zu rauchen. Oder ob ich bei dem Einsiedler entdeckt hätte, dass ich schwul sei.
Nach Hause zurückgekehrt, war ich fest entschlossen, mein bisheriges Leben fortzusetzen und ging meiner Arbeit nach wie immer. Ich ließ Rita ihr Vergnügen und machte ihr keine Szene. Nicht einmal dann, als sie ganz und gar zu Gerhard zog, dessen Frau sich wiederum von ihm trennte. Mit eigentümlicher Verwunderung wurde mir bewusst, dass ich schon deswegen nicht eifersüchtig zu werden vermochte, weil meine Kräfte mich verließen.
Ungeheuer ausgelaugt fühlte ich mich. Mit jedem Tag, der verging, wurde ich müder, elender. Und beinahe dankbar nahm ich hin, dass ich eines Abends meinen Entlassungsbrief aus dem Kasten holte.
Endlich raffte ich mich zum Handeln auf. Obwohl es unausgesetzt in meinem Kopf dröhnte „Finde es heraus, finde es heraus!“, hatte ich bisher nicht einen Schritt zu gehen vermocht, der mich einer Veränderung näher gebracht hätte. Nun aber hatte ich meine Arbeit und meine Frau verloren und es gab nichts mehr, woran ich mich klammern konnte.
Kurzerhand reiste ich nach Spanien und machte mich auf den legendären Weg, von dem ich inzwischen alle möglichen Wunderdinge vernommen hatte. Ich kam dabei wieder zu Kräf- ten. Und noch bevor ich das offiziele Ziel, die Jakobusstadt im Sternenfeld, erreichte, wusste ich, dass Garcilaso nur in einem – nämlich dem letzten – Punkt geirrt hatte: Ich brauchte gar nichts herauszufinden, sondern das Leben selbst kam zu mir.

(Aus: A. H. Buchwald, GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL - Der Weg zum eigenen Weg, Teil 3, eBook AndreBuchVerlag 2011)

(ohne Fußnoten, bei Worterklärungsbedarf bitte bei Wikipedia recherchieren!)

















































































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Das Erlebnis-Seminar zur 11. und 12. Prophezeiung
(Anmeldeschluss: 01.06.2012)

James Redfield kommt!!

20. - 21. Oktober 2012
Ein Wochenende mit dem Weltbestsellerautor
Seminar mit James Redfield
Er teilt im Dialog mit DIR eine neue Vision des Lebens.
Setze deiner Verwirrung ein Ende
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