Ich bin wahrscheinlich der unmöglichste Jakobspilger überhaupt. Bis heute und über Jahre hinaus. Denn diesen Weg zu gehen war des Fremdeste, Seltsamste und mir Entgegengesetzteste, was ich je getan habe.
Ich war nämlich bei der Stasi. Waffentragendes Mitglied des Staatssicherheitsdienstes der Deutschen Demokratischen Republik, diesem vergessenen Vierzig-Jahre-Staat.
Vielleicht versteht das nicht einmal jeder, sondern nur die, die zu den siebzehn Millionen armen Würstchen zählten, die einst in jenem Graumaus-Land ihr Leben fristeten: Bei der Stasi war man nicht nur pflichtbewusst und treu antireligiös, sondern betrachtete alle Menschen, die nicht an einer staatsfeudal geführten, wenn auch sozialistisch-kommunistisch gedachten Welt interessiert waren, als Feinde oder Verräter. Von einem sogenannten Jakobsweg wusste kaum jemand etwas, denn der lag unglaublich weit fernab der Areale, in denen unsereiner sich auskannte. Und wenn trotzdem jemand etwas in Erfahrung gebracht hätte, wäre ihm sofort klar gewesen, dass ein solches Wissen finsterem, mittelalterlichem Aberglauben gleichkam und sich nicht gehörte.
Mich hatten sie sowieso nicht gerade mit Informationen überschüttet. Meine Eltern waren eindeutige Kommunisten gewesen und lebten in ihrer abgeschotteten Welt. Sie hatten den Krieg erfahren und die schwarzweiße Brille, mit der sie jene Ereignisse zu betrachten gewohnt waren, gaukelte ihnen die Ideen der Revolutionsprediger als geradezu weltrettend vor. Um zu erkennen, dass der Misthaufen sich nicht verändert hatte, auf dem die Fliegen ständig wechselten, muss man sämtliche Scheuklappen ablegen, aber so weit waren sie einfach noch nicht.
Gern glaubte ich, was sie mir sagten. Denn all unsere Verwandten und Freunde führten streng genommen dieselben Reden. Ich vermochte beileibe keine andere Welt zu erkennen außer der, die sie mir demonstrierten.
Bald wusste ich zweifelsfrei, dass die sozialistische Variante Deutschlands einen neuen Menschen hervorbrachte, einen, der die Habgier und das Wolfsgesetz des Kapitalismus verabscheute, der alle friedliebenden Kräfte auf diesem Planeten stärkte und unterstützte sowie dafür sorgte, dass alle Güter, die eine Gesellschaft schuf, auch sämtlichen Mitgliedern dieser Gesellschaft zugute kamen. Nicht irgendwelchen Faulpelzen und Fettsäcken gebührte es zu herrschen, sondern denen, die täglich schwer arbeiteten und Dinge produzierten, die das Leben der Menschen erleichterten. Und während ich aufwuchs, fühlte ich nur zu oft den Stolz, dazu zu gehören, einer von denen zu sein, die das alte Ausbeutersystem hinter sich gelassen hatten, um ein gerechteres, besseres zu errichten.
Die sächsische Kleinstadt, in der ich damals lebte, betrieb zwei Schulen, aber zwischen diesen gab es keinen qualitativen Unterschied. Der Sohn eines Arztes oder Akademikers saß neben der Tochter eines Bauern oder Handwerkers. Wohl begegneten mir Grobiane und Dummköpfe, die nicht verstanden hatten, worum es ging und die sozialistische Partei mit Schimpfworten bedachten. Doch ich war zuversichtlich, dass eines Tages auch solche Leute Einsicht zeigen würden. Mit den „kirchlich Gebundenen“ – so nannten wir die Christen damals – war es schwieriger, denn obwohl es auf der Hand lag, dass Religion ungemein verdummte und ihre Anhänger nur sinnlos gegen den Fortschritt aufhetzte, blieben die in ihr Gefangenen auf lange Sicht starrköpfig und widersetzten sich beharrlich einer leuchtenden Zukunft.
Bald war es für mich selbstverständlich, worin die Aufgabe meines Lebens bestand. Unser Land befand sich auf einem guten Weg und wurde jährlich stärker. Die ausbeutungsfreie Gesellschaft hatten wir nahezu verwirklicht und nur einige Feinheiten brauchten noch geglättet zu werden. Nun mussten wir ein festes Bollwerk bilden gegen einen übermächtigen und rücksichtslosen Feind, unseren Nachbarn im Westen. Gern wollte ich meinen Anteil dazu beitragen und geradezu begeistert war ich bereit zu schützen, was im gerechteren Deutschland Gestalt annahm.
Was im Westen geschah, lag auf der Hand und jeder, der nicht vollständig taub und blind war, konnte es hören und sehen: Frauen wurden noch immer durchweg unterdrückt, daran gehindert, sich selbst in den produktiven Arbeitsprozess einzubringen und dabei zu entfalten, standen frustriert am Küchenherd und waren mehr oder weniger rechtlos. Studenten, die sich den veralteten Strukturen an den Universitäten widersetzten, wurden von der Polizei mit Wasserwerfern und Tränengas traktiert, ja in Einzelfällen sogar erschossen. Kommunisten und Regimekritiker bekamen Berufsverbot, während alte Nazis sich gegenseitig Regierungsposten zuschanzten. Jede verhaltene Wirtschaftskrise brachte Scharen von Arbeitslosen hervor und die Kirche segnete zusätzlich all diese Ungerechtigkeiten.
In Vietnam massakrierte die amerikanische Armee tausende Unschuldiger und im Kongo geschah Ähnliches durch marodierende Banden, die von Washington und Bonn aus bezahlt wurden. Es stimmte wahrlich, was Lenin einst gelehrt hatte: Der Kapitalismus erreichte nun das Stadium des Imperialismus, in dem er zu faulen begann, offen pervers und dekadent daherkam und bald durch seine eigene Krise zusammenbrechen, wahrscheinlich sogar sterben würde. Unserer Gesellschaftsordnung gehörte die Zukunft, das stand fest, und es gab nirgendwo einen Anhaltspunkt, etwa daran zu zweifeln. Auch die wenigen Unzufriedenen, die zuweilen auftraten und das Rad der Geschichte zurückzudrehen versuchten – achtundsechzig in der Tschechoslowakei beispielsweise –, würden wir eines Tages gewonnen haben.
Mein Onkel, ein Oberst der Nationalen Volksarmee, der damals bei uns aus und ein ging, beschäftigte sich häufig mit mir und nahm sich Zeit, ausführlich meine Fragen zu beantworten. Während meiner letzten Schuljahre, als ich mich für das Abitur vorbereitete, fühlte ich mich sehr stark zu ihm hingezogen und so war es für mich selbstverständlich, seinem Wunsch zu entsprechen. Er war nämlich der Erste, der mir auftrug, die Haltungen meiner Mitschüler zu erkunden und auf diese Weise herauszufinden, wer für welche Art Karriere geeignet schien oder nicht.
Auf diese Weise konnte ich dem Land, von dem ich mir die Zukunft versprach, schon recht gut dienen und der Schritt, mich ganz und gar den Sicherheitsorganen zu verschreiben, war nichts weniger als folgerichtig. Im Alter von zwanzig Jahren war ich einer von denen, die dafür einstanden, dass Ruhe und Ordnung in der Republik herrschten und die stolz darauf waren, eine solche Verantwortung tragen zu dürfen.
Mein Leben verlief eine Weile unglaublich glatt und für meine Begriffe auch ausgesprochen glücklich. Ich verliebte mich in eine Sekretärin, die beim Außenhandel angestellt war, heiratete bald und wurde Vater zweier Töchter. Meine dienstlichen Aufgaben brachten mich durchaus nicht in Kollision mit der Bevölkerung, obwohl heutzutage kaum noch jemand etwas davon wissen will, dass es damals Zeiten gab, in denen noch kein „kalter Bürger- krieg“ herrschte.
Der begann erst ungefähr Anfang der achtziger Jahre, als selbst die blindesten Parteigenossen merkten, dass es besonders unter der Jugend gärte. Die Heranwachsenden zweifelten an der Sache, die wir für die Beste und Gerechteste der Welt hielten; sie hatten sich der wilden Musik verschrieben, die seit den Sechzigern den Globus in Aufruhr versetzte, und sie achteten weder Gesetze noch Tradition. Die Werte der um ihre Rechte kämpfenden Arbeiterklasse verlachten sie und selbst erfahrene Pädagogen an Schulen und Universitäten waren machtlos gegen das, was uns da entgegenwuchs.
Wie viele meiner Kollegen hoffte ich trotzdem, dass wir die Aufmüpfigen in den Griff bekommen könnten. Es sollte kein Problem sein, weiter dafür zu sorgen, dass der Sozialismus die gierigen Wölfe in Schach hielt, die allenthalben auf Fehler lauerten, die wir etwa begehen mochten. Obwohl ich bald begriff, dass wir gegen Windmühlen kämpften.
Ich war nach Leipzig versetzt worden und leitete Verhöre. Dabei ging es meistens um Leute, die sich einbildeten, im Westen sei alles besser und die deshalb versucht hatten, über eines unserer Bruderländer illegal in die ersehnte Traumwelt zu gelangen. Und diese Menschen führten mich zu Erfahrungen, die mich bald zu quälen begannen und meine Begeisterung für die Position unseres Staates schrumpfen ließen.
Ärzte und Wissenschaftler lernte ich kennen, die sich wünschten, in ihren Forschungen vorwärts zu kommen und sich bereits dadurch gehindert sahen, dass sie keine aktuelle Fachliteratur bekamen. Junge Leute, die im Grunde nur Rockkonzerte besuchen wollten und keine Möglichkeit wussten, ihr Vorhaben durchzuführen. Oder Schulabgänger, die von einem Beruf träumten, der auf unserer Seite eben nicht existierte, Werbetexter etwa oder Landschaftsarchitekt.
Anfangs weigerte ich mich, diese Menschen ernst zu nehmen, musste es aber bald, weil sie mir sympathisch waren und ich dagegen nichts tun konnte. Ich glaubte ihnen, dass sie sich nicht gegen unsere Sache wenden wollten. Manche von ihnen betrachteten den Sozialismus sogar als ähnlich zukunftsweisend wie ich und meinten nur, wir wollten ihn „diktatorisch“ durchsetzen, was einem guten menschlichen Zusammenleben nicht förderlich sei. Also wusste ich, dass sie keine Feinde waren, obwohl meine Aufgabe darin bestand, sie als solche zu behandeln.
Das begann mich zusehends zu beschäftigen. Bald merkte ich auch, dass ich nicht der Einzige war, dem es so ging. Und dass es unter uns mindestens zwei große Gruppen gab, die einander aus dem Weg zu gehen versuchten: diejenigen, die sahen, was tatsächlich geschah und diejenigen, die ihre Augen davor verschlossen.
Das Wissen, dass viele, die wegen Republikflucht zu längeren Gefängnisstrafen verurteilt worden waren, ziemlich rasch in einen Bus verfrachtet wurden, der sie nach Westdeutschland transportierte, machte es mir leichter, verhalf mir aber nicht vollends zu einem guten Gewissen. Schließlich war das Ganze kaum etwas Anderes als blanker Menschenhandel.
Zuweilen überlegte ich auch, ob es sinnvoll wäre, sich mit denen zusammenzutun, die sehen wollten. Bis mir klar wurde, dass diese – zumindest scheinbar – in der Minderheit waren. Und dass wir einander nicht trauen konnten.
Ich steckte in einem furchtbaren Dilemma, denn wenn ich laut sagte, was ich dachte, war ich geliefert. Viele meiner Kollegen und vor allem meine Vorgesetzten hatten sich der Sache mindestens ebenso konsequent und begeistert verschrieben wie ich selbst vorzeiten und ich wusste, dass Zweifler oder Zauderer für sie so ziemlich dasselbe waren wie Verräter. Eine jahrelange Haft wäre das Mindeste, das sie mir antun könnten; am wahrscheinlichsten aber war eine Kugel.
Nun bot mein Leben so einiges an Bequemlichkeiten, zumal ich bislang zu den Privilegierten gehörte. Vielleicht waren es nicht gerade herausragende Vorteile, an heutigen Maßstäben gemessen, aber spürbare eben doch. Und so muss ich gestehen, dass ich daran hing. Vor dem Tod fürchtete ich mich sowieso, hatte ich doch von klein auf gelernt, dass mit ihm alles aus sei. Alles im Vollsinne des Wortes.
Deshalb musste ich mir eingestehen, dass ich im Grunde genommen nur von Angst getrieben lebte. Erst recht dann, als ich gemerkt hatte, dass diejenigen, die wir „Verbrecher“ und „Feinde“ nannten, nichts weiter wollten als eine bessere Welt. So wie ich selbst.
Um mich hatte sich ein Teufelskreis geschlossen, aus dem ich nicht mehr entrinnen konnte. Ich sandte tapfere und herzensgute Menschen ins Gefängnis, aus blanker Angst. Ich trennte Familien und sorgte mit gezielter Falschinformation dafür, dass sie sich niemals wieder zusammenfinden würden, aus blanker Angst. Ich zerschlug Freundeskreise und Vereine aus blanker, nackter Angst. Denn sobald ich nicht mehr tun würde, was ich tat, würden sie mich selbst dem Schrecken aussetzen, das wusste ich nur zu genau.
Dabei vermochte ich nicht mehr viel zu glauben. Wohl verstand ich, dass der Westen tatsächlich so tückisch und boshaft handelte wie ich es von Kindheit an gelernt hatte. Doch ich befürchtete nun, das wir es im Grunde nicht besser machten und begann, mich für meine Existenz schuldig zu fühlen. Und das vergiftete mein Leben.
Was nützte es zu wissen, dass die Amerikaner den wackeren chilenischen Präsidenten Allende ermordet hatten und alle Welt glauben machen wollten, er habe sich selbst getötet? Was half mir die Überzeugung, dass alle Kriege und alles Töten auf dem Planeten von großkotzigen Washingtoner Drahtziehern gesteuert wurden, denen niemand außer uns etwas entgegenzusetzen wagte? Denn ich sah nun, dass wir nicht die Guten waren, die wir immer hatten sein wollen, und überdies ging meine Familie in die Binsen.
Mit meiner Frau sprach ich kaum noch; ich wusste nicht, was sie trieb, wenn sie zuweilen später nach Hause kam als ich. Und die Töchter, die inzwischen ins Jugendalter gekommen waren, wechselten kein Wort mehr mit mir.
In der Welt ging es drunter und drüber. Die Afghanistanfrage und Tschernobyl untergruben unser Vertrauen in die Absichten unseres großen Bruderlandes Sowjetunion. Erst als ein Herr Gorbatschow mehr und mehr von sich reden machte, begann ich noch einmal zu hoffen.
Dieser Mann war allem Anschein nach ein ehrlicher Kommunist, einer, der das Getue nicht länger aushielt, die Falschheit und die Lüge, mit der man uns seit Jahren zu leben zwang. Er war einer, der die Fenster öffnete, um frische Luft herein zu lassen. Für kurze Zeit wurde er zu meinem großen Leitstern.
Ich spürte, wie meine Vorgesetzten den Namen Gorbatschow zu fürchten begannen, bemerkte, wie unsicher sie zuweilen wurden. Und in Berlin hielten sich die alten Genossen an ihren Tischen fest als seien sie versteinert und trafen keine Entscheidungen mehr.
Irgendwann musste das Fass explodieren, gab es einen Blitz, ein Unwetter, einen übermächtigen Krach. Dann flog uns alles um die Ohren, was wir mühsam zu erhalten suchten.
Und so kam es denn auch. Zu meinem Erstaunen gelang es allen Beteiligten, die chinesische Vorbildwirkung und ein Blutbad zu vermeiden. Aber mit einem Schlag versank ein Gesellschaftsmodell in den Fluten der Geschichte, von dem ich lange Zeit fest geglaubt hatte, es könne die Welt retten.
Mein Leben brach daraufhin völlig zusammen. Ich stand buchstäblich auf der Straße, hatte im Grunde gar nichts mehr. Denn Frau und Töchter verließen mich beinahe gleichzeitig und nachdem ich meine Waffe hatte abgeben müssen, wusste ich kaum noch, wie ich den bedrohlichen Anpöbeleien, denen ich mich zuweilen ausgesetzt sah, begegnen konnte.
Ein einstiger Kollege, ein älterer Mann schon, bewahrte mich vor dem endgültigen Abstieg und verschaffte mir eine Tätigkeit in einem Großhandelslager. So hatte ich wenigstens etwas zu tun, vermochte mein Leben zu fristen und bekam Gelegenheit, über das Gewesene Bilanz zu ziehen.
Abends saß ich in meiner Wohnung herum, aß wenig, trank ziemlich viel und grübelte. Ständig stellte ich mir die gleichen Fragen, fand nirgends eine befriedigende Antwort und fühlte mich miserabel. Die Wut, die das Volk, dem ich einst hatte dienen wollen, unsereinem entgegenbrachte, war furchtbar. Auf einmal verfolgte mich grenzen- und uferloser Hass. Ich gehörte zu den Bösen schlechthin und hatte mir doch so lange eingebildet, unter den Guten zu sein. Kein Wunder, dass auch meine Kollegen plötzlich wie vom Erdboden verschluckt waren, untertauchten, um irgendwo weiterzumachen, wo man weder sie selbst noch ihren Lebenslauf kannte.
Eines Abends legte ich ein leeres Blatt vor mich auf den Tisch und schrieb: Bin ich ein Verbrecher gewesen? Wenn ja, war ich es mein Leben lang oder nur einige Jahre? Welche Strafe wäre die gerechteste für mich? Wie könnte ich mich selbst bestrafen? Soll ich mich überhaupt selber verurteilen? – Welchen Sinn hat mein Leben? – Wann ist das, was ich getan habe, verjährt?
Wochenlang saß ich vor diesem Blatt Papier und geriet allmählich an den Rand der Verzweiflung. Ich suchte nach Entschuldigungen für das Gewesene und spürte selbst, dass sie nur Ausflüchte waren.
Jedes Land der Erde, das es sich einigermaßen leisten kann, betreibt einen Geheimdienst. Manchmal wird ein solches Organ mehr dafür benutzt, im Inneren für eine gewisse Ordnung zu sorgen und manchmal, um Strategien und Interessen von Nachbarländern oder vermeintlichen Gegnern auszukundschaften. Muss man alle Geheimdienstmitglieder eines jeden Landes als Verbrecher betrachten?
Warum war es böse, der Staatssicherheit der ostdeutschen Schattenrepublik anzugehören, während sich indessen niemand darüber aufregt, dass es so etwas wie die CIA gibt? Auch die so vorbildlich demokratischen Amerikaner schicken Menschen in Gefängnisse, aus politischen oder teilweise noch ungeklärten Gründen, und sie foltern nach Herzenslust, wenn es darauf ankommt. Ich selbst habe zwar Verhaftungen und „Zuführungen“ – wie man das bei uns nannte – geleitet, die hin und wieder auch einigermaßen grob abliefen, aber konkrete Quälereien habe ich niemals angeordnet. Nichtsdestoweniger wusste ich, dass man in einigen unserer Gefängnisse nicht übermäßig zimperlich mit deren Insassen verfuhr. Wieviel Schuld trifft mich daran?
Ich habe nicht jedem geschadet, über den ich etwa an höherer Stelle berichtete. Mancher durfte daraufhin Karriere machen. Dass aber so viele nicht ihren Traumberuf ausüben konnten, war Alltag in unserem ausgebleichten Land und nur gelegentlich auf Stasi-Akten zurückzuführen.
Ganz allmählich fügte ich mich in die neue Zeit. Ich hörte mit den selbstquälerischen Fragereien auf und wechselte nach einiger Zeit meinen Wohnort und meine Arbeit. Im Ruhrgebiet kannte mich niemand; ich belegte einen Lehrgang und war bald darauf Mitarbeiter eines Architektenbüros. Endlich konnte ich wieder etwas mehr Geld verdienen und ein Stück von dem genießen, was mir an Leben geblieben war.
Das meine ich tatsächlich so, denn ich war längst nicht mehr der Jüngste und spürte die ersten körperlichen Beeinträchtigungen. Diese aber fand ich erträglicher als das Gefühl des lebenslang Geächtetseins, das mir im Osten Deutschlands entgegenschlug.
Bald begegnete ich auch einer Frau, die gern mit mir leben wollte. Als ich ihr von dem erzählte, was ich getan hatte, lachte sie nur und meinte, sie fände es spannend, mit einem der „Bösen“ zusammen zu sein. Aber sie kam aus Köln und kannte mitnichten die Welt, die mich geprägt hatte.
Candida – so hieß sie – war eine heitere Person, obwohl sie, wie sie zuweilen betonte, als treue Katholikin regelmäßig die Kirche besuchte. Ich hatte ihresgleichen bislang als mittelalterlich, bigott und trübsinnig beurteilt und wurde durch sie eines Besseren belehrt. Nicht einmal verklemmt war sie, sondern brachte mir stattdessen einiges bei, was ich in früheren Jahren selbst als „unmoralisch“ betrachtet hätte. Wahrscheinlich machte sie sich keine Gedanken darüber, was etwa ein Priester von ihrer Lebensweise halten würde. Zu mir sagte sie manchmal, sie müsse so oft zur Beichte gehen, dass sie ein wenig Stoff dafür brauche.
Candida beeindruckte mich sehr. Zwar begleitete ich sie nie zu den sonntäglichen Messen, aber ich begann unmerklich an Gott zu glauben. Das mag dumm klingen, aber es war so. Ich fühlte mich so wohl mit ihr zusammen, dass ich gern annehmen wollte, es gebe eine unsichtbare Macht, die diese Frau in mein Leben gesteuert hatte.
Hin und wieder gingen wir spazieren und redeten viel. Sie riet mir wiederholt, ich solle „mir vergeben“, und da ich keine Ahnung hatte, wie ich das tun könnte, meinte sie, ich müsse meine Vergangenheit „loslassen“. Das verstand ich ebensowenig, aber sie behauptete, wenn ich einen schweren Gegenstand in der Hand hielte und diesen zu Boden fallen ließe, würde ich auch nicht so dumm fragen. „Loslassen“ sei nichts Anderes als das, loslassen eben.
Die, die sich von mir verletzt gefühlt hatten, würden mir das niemals verzeihen, hielt ich ihr entgegen. Das sei deren Sache, behauptete Candida, ich müsse mir nur selbst verzeihen. Was die Leute dächten, könnte ich niemals ändern.
Wenn ich trübsinnig war, was trotz allem hin und wieder vorkam, hielt ich ihr vor, ich habe damals so extreme Fehler gemacht, dass ich diese niemals wieder korrigieren könne. Ich müsse mit dem Bewusstsein leben, ein Verbrecher gewesen zu sein.
Candida hingegen behauptete, das sei nichts als horrender Blödsinn. Niemals mache ein Mensch überhaupt Fehler, sondern tue immer nur das, was er wisse und könne. Mehr dürfe man von niemandem verlangen. Ich war ihr unendlich dankbar, dass sie so mit mir sprach, und wenn ich irgendwann und irgendwo meinen Lebenslauf vorlegen musste, vertuschte ich die Jahre meiner Stasi-Mitgliedschaft nicht länger.
Mein Chef warnte mich zwar und sagte, ich müsse mir darüber klar sein, dass ein solcher „Fleck auf meiner Weste“ wohl kaum meine Karriere befördern werde, doch mir war wohler, wenn ich nichts verschwieg. Zu lange hatte ich in Angst gelebt und mich gezwungen, nichts zu hören, nichts zu sehen und nichts zu sagen.
Unsere Firma expandierte. Wir stellten neue Mitarbeiter ein. Ich war bald derjenige, der sich mit den Bewerbungen beschäftigte und die Gespräche durchführen sollte. Und eines Tages kam es dazu, dass ein Mann vor mir saß, der mich von Minute zu Minute misstrauischer musterte und unvermittelt fragte, ob ich achtzehn Jahre zuvor einmal „Stasimann“ gewesen sei.
Ich zuckte zusammen, denn irgendwo in meiner Erinnerung war sein Gesicht noch gespeichert. Dann gestand ich, dass er recht habe und beschrieb sogar, dass meine letzte Dienststelle in Leipzig gewesen sei.
Er betrachtete mich finster und fauchte: „Vor achtzehn Jahren hätte ich an dieser Stelle ausgespuckt und wäre gegangen. Du hast Glück, dass ich den Job unbedingt brauche. Und wenn du ihn mir gibst, zinke ich dich nicht an.“
„Anzinken hat keinen Zweck“, antwortete ich. „Jedermann hier weiß, dass ich bei der Stasi war. Und der Job hat auch nichts mit den alten Geschichten zu tun.“
Er erwiderte noch dies und jenes, während ich innerlich zitterte, aber obwohl ich von seiner Seite einiges befürchtete, legte ich ihm kein Hindernis in den Weg, so dass er bei uns angestellt wurde. Inzwischen erinnerte ich mich auch, dass er damals zu den Initiatoren einer Umweltgruppe gezählt hatte und auf meine Anordnung hin verhaftet worden war. Vielleicht hatte er ganze zwei Jahre im Gefängnis verbracht, was ich aber tatsächlich nur schätzen kann, denn für den weiteren Lauf der Dinge waren wiederum Andere zuständig gewesen.
Das Schwierige und mir nur schwer Erträgliche war nun aber, dass ich ihn beinahe täglich zu sehen bekam, denn er arbeitete in einem Büro unmittelbar neben dem meinen. Und ich wusste nicht, wie ich ihm begegnen sollte. Einesteils wollte ich entsprechend Candidas Rat handeln und zu dem stehen, was ich getan hatte, andererseits aber fürchtete ich dennoch das Urteil dieses Mannes, der, nebenbei gesagt, Mario hieß.
Meine Freundin schlug vor abzuwarten. Solche Dinge regele das Leben irgendwann und irgendwie, behauptete sie. Und es dauerte tatsächlich nur etwa acht Monate, bis sich etwas andeutete, worüber ich mich bis heute wundere.
Dieser Mario, der mir, sobald er meiner ansichtig wurde, geflissentlich aus dem Weg ging, wenn es sich irgend machen ließ, nahm urplötzlich Urlaub und zwar ganze vier Wochen. Er brauche Abstand und wolle den Jakobsweg gehen, munkelten die Kollegen. Ich war derjenige, der ihm seinen Antrag bewilligen musste und geriet für Augenblicke in die Versuchung, ihn durch meine Verweigerung herauszufordern. Schnell aber sah ich ein, dass mir das nichts bringen würde, genehmigte ihm die volle Zeit und wagte es, ihn zu fragen, was es mit jenem ominösen Jakobsweg auf sich habe.
„Davon hat deine Sorte keine Ahnung“, erwiderte er mit grimmiger Verachtung, „und es wäre auch das Beste, dir nichts davon zu erzählen. Aber du hast mir geholfen, den Job zu kriegen und deshalb will ich mal gerecht sein. – Also: Der Jakobsweg ist weit verzweigt, aber seine Hauptstrecke fängt in Saint-Jean- Pied-de-Port an der französisch-spanischen Grenze an und endet für die meisten in Santiago de Compostela in Galizien, für manche auch erst am Kap Finisterre. Man kann ihn zu Fuß gehen, per Fahrrad zurücklegen oder auf dem Rücken eines Pferdes. Und mindestens die letzten hundert Kilometer sind Pflicht. Wer eine Frage hat in seinem Leben und keine Antwort finden kann, der geht diesen Weg, und wer nicht weiß, wie es weitergehen soll, auch, aber das können bloß Leute verstehen, die an etwas glauben und nicht abgestumpft sind. – Genügt das?“
Ich steckte seine verbalen Seitenhiebe ein und traute mich nicht, weiter in ihn zu dringen. Stattdessen erkundigte ich mich zusätzlich bei Candida.
„Darüber nachzudenken hat keinen Zweck“, behauptete sie. „Nach allem, was du mir über diesen Mario erzählt hast, sage ich dir eins: Wenn du den Weg ebenfalls gehst, am besten zu gleicher Zeit, kannst du mehr gewinnen als du dir je vorgestellt hast. Wenn du aber bloß rausfinden willst, was Pilgern bedeutet, lies ein paar Bücher darüber. Doch dann bleibt alles so wie es war.“
Darauf vermochte ich nichts zu erwidern und ich wusste ebensowenig, wie sie das meinte. Ihre Worte drangen trotzdem tief in mich ein, denn seit langem war sie die liebste und ange- nehmste Person in meinem Leben. Ich hätte sie sogar geheiratet, aber da sie geschieden und trotzdem noch katholisch war, durfte sie keine offizielle Partnerschaft mehr eingehen.
Nun wusste ich, wann Mario seinen Weg antreten wollte, reichte selbst Urlaub ein und ließ meine Wanderschaft einen Tag nach der seinigen beginnen. Vor uns beiden lagen vier Wochen und wir brachen, um innerhalb dieses Zeitfensters zu bleiben, in der Ebrostadt Logroño auf.
Ich hoffte, ihm zu begegnen und gleichzeitig fürchtete ich ein Zusammentreffen. Von dem Weg selbst wusste ich nicht mehr als man mir bis dahin mitgeteilt hatte und so trug ich zumindest einen Reiseführer bei mir, nach dem ich meine Pilgertage gestaltete. Obendrein schritt ich mehrere Tage mutterseelenallein dahin und übernachtete in irgendwelchen Pensionen, weil ich fürchtete, mit denen, die hier unterwegs waren, nichts gemein zu haben.
Als ich Burgos erreicht hatte, gesellte ich mich schließlich zu anderen Menschen, die wie ich deutsch sprachen oder für die meine Englischkenntnisse zur Unterhaltung ausreichten. Und so entfaltete sich unmerklich eine mir noch unbekannte, aber weite und bunte Welt, während das innere Gefängnis, in dem ich so lange verharrt hatte, zusehends verblasste.
Bald sah ich ein, dass man Leben weder planen noch organisieren konnte, weder für Andere noch für sich selbst. Die beste erträumte Gesellschaft kann niemals von außen errichtet werden, durch Politik etwa oder Klassenkampf, wie wir früher dachten, oder auch durch irgendwelche hinterhältigen Verträge. Dafür ist der Mensch ein zu großes Geheimnis, ist das zu unberechenbar, was ihn ausmacht, ist er zu sehr auf dem Weg. Immer ist alles offen und niemals gelangt er an ein endgültiges Ziel. Wenn es ihn stört, unterwegs zu sein, wird er leiden, unweigerlich und auch gleichgültig, in welcher Gesellschaft er lebt.
Mit jedem Schritt, den ich ging, fielen ganze Berge unverdauter Ideologien von mir ab. Ich lächelte Menschen an, deren Sprache ich nicht verstand und mit denen ich mich dennoch eins fühlte. Und ich wünschte mir, es gäbe einen Gott, der die Leute nicht in die Kirchen führte, sondern ins Glück.
Erst irgendwo hinter Astorga holte ich Mario ein. Unversehens schritten wir nebeneinander her und sprachen kein einziges Wort. Hin und wieder sahen wir einander verstohlen an und am späten Nachmittag machten wir in derselben Herberge Halt.
Abends saß ich auf meiner Bettkante und verzehrte einen der riesigen spanischen Äpfel, als sich Mario zu mir setzte.
„Warum pilgerst du?“ fragte er mit drohendem Unterton in der Stimme. „Das ist nichts für dich. Oder glaubst du etwa an Gott?“
„Es tut mir gut, hier zu gehen“, antwortete ich. „Sonst weiß ich wirklich nicht, warum ich pilgere, wie du das nennst.“
Zum ersten Mal duzte ich ihn meinerseits auch. Wir hatten denselben Weg und dasselbe Ziel, zumindest äußerlich gesehen.
„Du hättest wenigstens eine Weile im Knast sitzen können“, grummelte er unwillig. „Bevor du dich hierher wagst.“
Darauf wusste ich nichts zu erwidern. Ich fühlte mich hilflos und ausgesetzt und hörte auf, an meinem Apfel zu kauen. Endlich erhob er sich und ließ mich in Frieden.
Am Folgetag war ich vor ihm unterwegs, doch irgendwann holte er mich ein. Wieder schritten wir kilometerweit schweigend nebeneinander her. Dann wählte ich eine Herberge und er ging weiter.
Erst kurz vor Santiago trafen wir von neuem aufeinander. Wir wanderten gemeinsam durch ausgestreckte Eukalyptuswälder und hielten schließlich Rast.
„Ich kann es nicht ertragen, dass du auch auf dem Jakobsweg gehst“, sagte Mario plötzlich. „Natürlich muss ich dich das tun lassen, aber ich halte es nur schwer aus.“
„Wir sind ja bald da“, tröstete ich ihn. „Dann hast du’s gelöst.“
„Nein“, bestritt er. „Dann arbeiten wir wieder in einer Firma zusammen.“
„Wer soll verschwinden?“ versuchte ich ihn herauszufordern. „Du oder ich?“
Er schwieg eine Weile.
„Es ist kein Zufall, dass wir immer wieder aufeinandertreffen“, sagte er dann leise. „Das stört mich am meisten.“
„Wie meinst du das?“ wollte ich wissen.
„Wenn es kein Zufall ist, ist es Gottes Wille“, versetzte er in einem eigenartigen Ton, in dem keinerlei Wut oder Ärger mehr lagen.
Auch darauf wusste ich keine Antwort. Aber von nun an gingen wir Seite an Seite bis Santiago, obwohl wir kein Wort sprachen.
Zuletzt standen wir inmitten einer vielsprachigen Menge vor der Kathedrale, doch anstatt das Gebäude zu bewundern, wandten wir einander unsere Gesichter zu.
„Es scheint, dass wir da sind“, sagte Mario und grinste.
„Wir sind da“, bestätigte ich und ich weiß nicht, warum wir uns an dieser Stelle umarmten.
Vielleicht glaubten wir noch immer nicht an denselben Gott, aber wir mussten es einfach tun. Denn wären wir jetzt unversöhnlich auseinandergegangen, hätten wir uns beide eines Verbrechens schuldig gemacht.
(Aus: A. H. Buchwald, GESCHICHTEN AUS DER JAKOBSMUSCHEL - Der Weg zum eigenen Weg, Teil 3; eBook AndreBuchVerlag 2011; Text ohne Fußnoten übernommen)